Seit ich mich mit Hörgeräten beschäftige, ist das vermutlich die Frage, die mir am meisten gestellt wird. Und es ist auch die, die wirklich nicht einfach zu beantworten ist. Hörgeräte sind technisch komplexe Medizingeräte und sie kosten einen Haufen Geld. Außerdem ist es ein Feld, wo du selten Bekannte oder Freunde nach ihrer Meinung fragen kannst (im Gegensatz zu Autos, da hat anscheinend jeder eine Meinung zu).
Dieser Artikel ist mein Versuch, zusammenzufassen, nach welchen Kriterien ich empfehle, Hörgeräte auszusuchen. Das hier ist ein absoluter Übersichtsartikel; man könnte zu jedem Punkt weiter ausholen. Wenn ich das bereits in diesem Blog getan habe, habe ich euch die weiterführenden Artikel verlinkt.
Betrachtet die Punkte hier als eine Art Kauf-Checkliste. Nicht alles ist für jeden relevant, die Geschmäcker und Bedürfnisse sind verschieden. Idealerweise solltest du aber über jeden dieser Punkte nachgedacht und mit deiner Akustikerin gesprochen haben. Nur dann wirst du eine informierte Kauf-Entscheidung treffen können.
Zu dieser Liste:
- Die Kriterien gehen von wichtig zu weniger wichtig. Am Ende liste ich die Dinge auf, die gar kein Kriterium für deinen Kauf sein sollten.
- Für die Auswahl deiner Hörgeräte solltest du sie ausgiebig testen. Dazu empfehle ich meinen Artikel Wie testet man Hörgeräte richtig?.
- Auch in der Welt der Hörgeräte ändert sich ständig etwas. Dieser Artikel bildet den technischen Stand im Herbst 2026 ab.
1. Dein Gehirn vorbereiten
Wie viel Verbesserung deines Hörens du von Hörgeräten bekommst, hängt nur zum Teil von den Hörgeräten selbst ab. Ein wesentlicher Hebel ist unser Gehirn, welches die Signale, die unsere Hörgeräte wieder hörbar machen, verarbeiten muss. Dein Gehirn kannst du darauf vorbereiten, indem du ein Hörtraining machst. Es empfiehlt sich, so ein Training vor bzw mit dem Prozess des Hörgerätekaufes zu machen. Die Fitness deines Gehirns kann die Auswahl der Hörgeräte erweitern. Außerdem bieten viele Anbieter einen Nachlass auf den Preis des Trainings, wenn du auch bei ihnen die Hörgeräte kaufst. Mehr dazu in Muskelkater im Hirn – Teil 1: Besser Hören durch Hörtraining.
2. Die Audiologie
Es mag offensichtlich sein, aber in erster Linie sollte das Hörgerät zu deinem Hörverlust passen. Das kannst du als Kunde nicht unbedingt selbst beurteilen, aber es ist gut, dich mit deiner Akustikerin darüber zu unterhalten. Insbesondere solltest du im Hinterkopf behalten, dass du die Hörgeräte vermutlich mindestens 6 Jahre tragen wirst und dein Gehör in der Zeit auch etwas absinken könnte. Es ist also gut, Geräte zu kaufen, die noch “Luft nach oben” haben, damit du nicht schon nach 3 Jahren an ihre Grenzen stößt.
Wenn du hochgradig schwerhörig bist, kann es durchaus passieren, dass es nur noch wenige Hersteller gibt, die die für dich wichtigen Frequenzen genug verstärken können. Es kann also ein Grund sein, den Hersteller zu wechseln, um noch das letzte bisschen Audiosignal an deine Ohren zu bekommen. Irgendwann kann es natürlich sein, dass kein Anbieter mehr übrig bleibt. In so einem Fall solltest du dich mit dem Thema Cochlea Implantate beschäftigen.
Für den Fall, das ganze Frequenzen bei dir nicht mehr versorgt werden können, kannst du bei manchen Hörgeräten die “Frequenzverschiebung” bekommen. Hier werden Töne in den von dir nicht mehr gut hörbaren Bereichen in andere Bereich übersetzt, z.B. von sehr hohen Tönen zu etwas tieferen Tönen. Das hört sich oft erstmal seltsam an, aber es hilft und nach einer Weile wirst du es als “normal” wahrnehmen.
3. Messbare Verbesserung des Sprachverstehens
Hörgeräte sind nicht für den Genuss von Audiosignalen gedacht, sondern vor allem dafür, dass wir (wieder) kommunizieren können. Das Sprachverstehen, besonders in lauter Umgebung, ist daher das wichtigste Kriterium. Wenn du wie empfohlen mehrere Hörgeräte testest, dann ist es manchmal sehr schwierig, noch auseinanderzuhalten, welches Gerät denn besser ist. Du solltest dich da nicht nur auf deinen subjektiven Eindruck verlassen. Mach bei deiner Akustikerin mit jedem Hörgerät einen Sprachverständlichkeitstest – nachdem du es mindestens 2 Wochen getragen hast, denn dein Gehirn braucht jedes mal etwas Zeit sich an das neue Gerät zu gewöhnen. Der Test sollte mit und ohne Hintergrundgeräusche passieren und du solltest dann ein paar Prozentzahlen bekommen, an denen du sehen kannst, ob es mit den Hörgeräten besser geht als ohne, bzw. deinen vorherigen Geräten.
Das setzt voraus, dass deine Akustikerin viel testet, was ich für ein Qualitätskriterium von Akustiker*innen halte. (Weitere Empfehlungen, wie man eine Akustikerin aussucht, findest du in der Artikelserie beginnend mit Wie findet man einen guten Akustiker? Teil 1: Erreichbarkeit).
Kleine Randbemerkung zum Thema Testfreudigkeit von Akustikerinnen: Wenn deine Akustikerin gut ist, dann macht sie auch in-situ Messungen. Das ist eine Messung, wo kurz vorm Trommelfell gemessen wird, ob von dem, was die Hörgerätelautsprecher ausgeben, auch wirklich so viel am Trommelfell ankommt, wie du für deinen Hörverlust bräuchtest.
4. Die Bauform
Im Wesentlichen gibt es Im-Ohr-Geräte und Hinter-dem-Ohr-Geräte, deren Namen auch genau das beschreiben, was sie sind. Bei Im-Ohr-Geräten gibt es seit ein paar Jahren auch so genannte “Earbud”-Geräte, die zwar im Ohr stecken, aber außerhalb des Ohres noch einen signifikanten Teil haben. Die sehen ähnlich aus wie Im-Ohr-Kopfhörer, die hörende Menschen tragen.
Bei Hinter-dem-Ohr-Geräten gibt es zwei Varianten: eine, wo der Lautsprecher oben am Gerät sitzt und der Ton über einen Schlauch in den Gehörgang übertragen wird und eine, wo der Lautsprecher im Gehörgang sitzt und das Signal über ein Kabel vom Gerät zum Lautsprecher übertragen wird.
Es gibt für jede dieser Optionen gute Gründe, die ich schon in Bauformen von Hörgeräten ausgeführt habe. Die kleine Größe der Im-Ohr-Geräte hat den Vorteil, dass du weniger Probleme mit Brillenbügeln oder Fahrradhelmen hast. Auch ist das Richtungshören besser, weil die Ohrmuschel noch mitbenutzt wird. Du machst aber meistens durch die Größe Kompromisse bei der Technik, weil weniger in diese kleinen Geräte hineinpasst, z.B. weniger starke Soundprozessoren, weniger Akkulaufzeit, weniger drahtlose Verbindungsmöglichkeiten. Earbud-Hörgeräte haben diese Nachteile wegen ihrer größeren Größe weniger.
Hinter-dem-Ohr-Geräte sind mittlerweile auch sehr klein und die Kabel dünn, so dass es meiner Meinung nach keinen Grund gibt, diese Kompromisse einzugehen. Bei Hinter-dem-Ohr-Geräten haben die mit den Schläuchen einen schlechteren Ruf, weil jeder Knick oder Biegung im Schlauch die Akustik verändern kann. Bei Kabeln gibt es keinen Qualitätsverlust, wobei es durchaus vorkommen kann, dass auch mal eins bricht (das hörst du aber sofort).
5. Die Ohrstücke
Es gibt zwei Möglichkeiten: kleine weiche Schirmchen (“Domes”), die es in ein paar wenigen Einheitsgrößen gibt oder individuell angepasst Otoplastiken, für die du einen Abdruck oder einen 3D-Scan machen musst.
Es gibt Akustikerinnen, die mögen Schirmchen, weil sie weniger Arbeit damit haben schon nach wenigen Terminen mit dir den Kauf abschließen können. Oft erzählen sie dir als Kunden gar nicht, dass es mit Otoplastiken eine Alternative gibt. Und dann gibt es Akustikerinnen, die nehmen das mit der Akustik ernst und bieten sie dir gleich an. Otoplastiken haben den Vorteil, dass sie gut und vor allem immer gleich sitzen, so dass die Hörgeräteeinstellungen gleichbleibend gut an deinem Ohr ankommen und du nicht schon am Tag nach dem Besuch bei der Akustikerin nur noch die Hälfte hörst. Das kann gut passieren, wenn du an dem Tag dein Schirmchen nicht wieder genau so in den Gehörgang bekommen hast wie in der Filiale.
Mein Artikel zum Thema Ohrstücke: Otoplastiken oder Schirmchen? ist schon etwas älter, aber immer noch einer der beliebtesten in diesem Blog. Ich würde mittlerweile immer Otoplastiken empfehlen, auch bei leichten Hörverlusten. Nichts ist so wichtig, wie den Verlauf deiner Schwerhörigkeit zu bremsen. Dafür brauchst du Hörgeräte, wie dir gleichbleibend die verlorenen Töne wieder ans Ohr bringt, damit dein Gehör sie nicht noch mehr abbaut (siehe dazu Warum sind meine Hörgeräte so laut?).
Otoplastiken gibt es in verschiedenen Materialien, von weichem Silikon bis hartem Titan. Auch gibt es sie in allen Farben und wenn du willst, mit Schmucksteinchen drin. Lass dir von deiner Akustikerin nicht erzählen, dass nur “transparent” im Angebot ist.
6. Restaurantprogramm
Hörgeräte können verschiedene Programme haben. Du wirst auf jeden Fall ein Standard-Programm bekommen, das für die meisten Situationen einen guten Job macht. Idealerweise muss das aber gar nicht so viel machen, wenn du deinem Gehirn auch noch etwas Arbeit lässt (siehe dazu nochmal Warum sind meine Hörgeräte so laut?).
Aber es kann dennoch Situationen geben, wo du auch mit fittem Gehirn und guten Standard-Einstellungen an deine Grenzen kommst – besonders bei schwererer Scherhörigkeit. Das ist meistens in lauten Restaurants, wo dein Gehirn eine Sprecherin im Vordergrund von lauter Sprecherinnen im Hintergrund unterscheiden muss. Das nennt man den Cocktailparty-Effekt.
Für solche Situationen solltest du dir von deiner Akustikerin ein separates Programm einrichten lassen, welches besonders auf diese Situation ausgelegt ist. Das funktioniert meistens mit einer Richtwirkung nach vorne (denn wir schauen diejenige, die wir hören wollen, meist an) und einer Dämpfung von allem anderen drum herum.
Restaurant-Programme heißen auch “Verstehen im Störlärm”. Diese Programme funktionieren bei jedem Hersteller mit mehr oder weniger cleveren Algorithmen. Seit dem KI-Hype (“Künstliche Intelligenz”), wird da noch oft das “KI” Label dran geklebt, aber das braucht es nicht, um ein gutes Restaurant-Programm zu bekommen. (Mehr dazu siehe unten.)
7. Verbindungsmöglichkeiten zum Handy
Wenn du telefonieren oder vom Handy Musik oder Videos streamen möchtest, dann möchtest du deine Hörgeräte direkt mit dem Handy verbinden (siehe Wie Bluetooth-Hörgeräte mein Leben verändert haben). Dafür gibt es die Bluetooth-Technologie. Leider ist bei Hörgeräten Bluetooth nicht gleich Bluetooth. (Siehe auch Bluetooth und Hörgeräte).
Moderne Smartphones und Tablets von Apple haben klassisches Bluetooth und “Made for IPhone” (MfI). Moderne Smartphones und Tablets mit dem Google-Betriebssystem Android (z.B. Google Pixel, Samsung, Huawai) haben klassisches Bluetooth, ASHA und manchmal Auracast. Siehe auch Auracast – Stand Oktober 2025.
Die meisten Hörgeräte, die als Bluetooth-fähig beschrieben sind, können MfI und ASHA. Nur ein Hörgerätekonzern bietet momentan klassisches Bluetooth an. Nur wenige Konzerne bieten Auracast-fähige Hörgeräte an.
Ob dein Handy mit einem bestimmten Hörgerät funktioniert, kannst du in Kompatibilitätslisten der Handy- und der Hörgerätehersteller nachschauen. Ich empfehle es aber vor allem auszuprobieren. Und ja, das bedeutet auch, das Handy mit zur Akustikerin zu nehmen, wenn du das selbst nicht ans Laufen kriegst.
Ein zusätzlicher Vorteil von Auracast in Handys und Hörgeräten ist, dass man zusammen Musik hören kann.
8. Verbindungsmöglichkeiten zum Laptop
Wer berufstätig ist, verbringt spätestens seit der Pandemie viel Zeit in Videokonferenzen am Laptop. Auch hier ersparst du dir viel Anstrengung, wenn du die Hörgeräte direkt mit dem Laptop verbindest. Auch hier sprechen wir wieder von verschiedenen Arten von Bluetooth. Apple Laptops können klassisches Bluetooth und MfI. Alle anderen können klassisches nur Bluetooth. Stand 2026 könnte es so langsam auch Laptops mit Auracast geben.
Stand 2026 können die meisten Hörgeräte nur ASHA und MfK und kein klassisches Bluetooth. Es kommen aber mehr und mehr Hörgeräte mit Auracast auf den Markt.
Das heisst, du hast folgende Möglichkeiten: a) du beschränkst dich auf Apple-Geräte b) du kaufst ein Hörgerät von dem einzigen Konzern, der klassisches Bluetooth anbietet c) du kaufst einen Adapter, mit dem du die Verbindung überbrückst. Wenn du Auracast-Hörgeräte kaufst, kannst du einen Auracast-Adapter kaufen. Diese gibt es von vielen Herstellern (nicht nur Hörgeräteherstellern). Andere Adapter sind Hörgerätehersteller-gebunden, was heißt, dass du bei einem Wechsel der Hörgeräte meist auch einen neuen Adapter kaufen musst. Adapter werden nicht von den Krankenkassen bezahlt.
9. Verbindungsmöglichkeiten zum Fernseher
Vielen fällt ihre Schwerhörigkeit vor allem beim Fernsehen auf. Auch hier gibt mehrere Möglichkeiten: a) du lässt deine Hörgeräte gut laut einstellen damit du auch wieder alle Nuancen mitkriegst, b) du schaltest die Untertitel an (siehe auch Warum Untertitel trotz Hörgeräte?), c) du wählst die Option “Klare Sprache” aus, die es bei manchen TV-Programmen gibt, d) du kaufst einen Adapter mit dem du eine direkte Verbindung vom Fernseher zum Hörgerät herstellst.
Wenn du Auracast-Hörgeräte kaufst, kannst du auch hier einen Auracast-Adapter nutzen (unter Umständen genau den gleichen wie beim Laptop). Es wird in naher Zukunft auch so sein, dass Fernseher direkt Auracast senden können. In dem Fall musst du gar keinen Adapter mehr kaufen.
Mehr Details zum Thema (nicht-Auracast) Fernsehadapter gibt bei Freud und Leid mit TV Adaptern.
10. Verbindungsmöglichkeiten zu Höranlagen
Höranlagen sind technische Systeme, die es dir erlauben, deine Hörgeräte mit einer Soundanlage in einem Veranstaltungsraum zu verbinden. Damit kannst du den Ton der Darbietung bzw. des Sprechers direkt in deine Hörgeräte bekommen.
Die bisher einzige Möglichkeit, dies Hörgerätehersteller-unabhängig zu tun, waren induktive Höranlagen (auch Induktionsanlagen, Induktionsschleifen, Hörschleifen oder Ringschleifen genannt). Diese sind entweder im Boden verlegt oder du bekommst einen Empfänger mit einer Schlaufe um den Hals gehängt. Induktionsanlagen sind leider in Deutschland nicht weit verbreitet und werden in Zukunft eher weniger als mehr. Um sie nutzen zu können, musst du in deinen Hörgeräten eine passende Antenne, die T-Spule eingebaut und aktiviert haben. Mittlerweile ist das kein Standard mehr bei Hörgeräten. Wenn du eine haben willst, solltest du bei deiner Akustikerin darauf bestehen, dass sie das bei der Auswahl der Geräte mit einbezieht. Mehr dazu in Mehr Teilhabe durch Induktionsschleifen.
Stand 2026 ist eine neue Technologie auf dem Vormarsch, nämlich Auracast (ja, genau das Auracast, was ich schon mehrfach erwähnt habe). Auracast ist eine Bluetooth-Variante, die auch 1-zu-mehrere Verbindungen kann und sich daher auch für Höranlagen eignet. Die Installation ist günstiger als bei Induktionsanlagen, weil man nur einen oder mehrere Plastikkästen an die Decke hängen muss. Der größte Vorteil, der zu hoher Verbreitung beiträgt, ist die Tatsache, dass Auracast nicht nur auf Hörgeräte beschränkt ist, sondern auch für Kopfhörer und andere Empfangsgeräte. Da es also nicht nur eine Technik für uns kleine Minderheit der Menschen mit Schwerhörigkeit ist, haben die Betreiber von Veranstaltungsräumen mehr Motivation in so etwas zu investieren (was an sich traurig ist, aber wir nehmen was wir kriegen können). Möchtest du also in Zukunft von Auracast-Höranlagen profitieren, solltest du Auracast-fähige Hörgeräte kaufen. Achtung: es gibt einen signifikanten Unterschied zwischen Auracast-fähig und Auracast-bereit (siehe Auracast – Stand Oktober 2025).
Wenn du bis hier hingelesen hast, wird dir langsam aufgehen, dass dieses Auracast doch eine sehr praktische Entwicklung ist, die gleich mehrere Anwendungsmöglichkeiten abdeckt. Momentan gibt es nur ein paar wenige Hersteller, die schon Auracast-fähige (und nicht nur “-bereite”) Geräte anbieten. Leider ist der Konzern, der bisher bei klassischen Bluetooth der Vorreiter war, bisher eher zögerlich, auf Auracast zu setzen. Das heisst, du wirst dich in der Praxis zwischen Auracast und klassischen Bluetooth entscheiden müssen.
11. Verbindungsmöglichkeiten zu Telefonanlagen
Telefonanlagen, wie du sie zum Beispiel im Büro bei der Arbeit benutzen musst, haben meistens nur klassisches Bluetooth. Das heißt, ähnlich wie bei Laptops bleibt dir da die Wahl zwischen a) Hörgeräten von dem einen Konzern, der klassisches Bluetooth anbietet, b) Bluetooth-Adaptern oder c) deiner Chefin zu sagen, dass du aufgrund deiner Behinderung nicht mehr telefonieren kannst. (Ich meine das ernst.)
An dieser Stelle sei auch der Trick erwähnt, die Anrufe aufs Handy umzuleiten und dann die Verbindungsmöglichkeiten von dort zu nutzen. Und vielleicht gibt es eines Tages auch Auracast-fähige Telefonanlagen.
12. Musikprogramm
Es ist nicht hoch auf dieser Liste, aber je nachdem wie viel dir Musik in deinem Leben gibt, kann es ein wichtiger Punkt sein. Die Standard- und Restaurant-Programme von Hörgeräten sind auf Sprachverstehen ausgelegt. Das heisst sie filtern und verzerren viele Frequenzen und betonen die Frequenzen, die für die Sprache wichtig sind. Wenn du die Eigenschaft der Frequenzverschiebung nutzt, wird das noch schlimmer. Damit klingt Musik scheisse. Siehe auch Warum Musikgenuss mit Hörgeräten eine Herausforderung ist und Besserer Musikgenuss mit Hörgeräten. Du kannst dem abhelfen, indem du dir von deiner Akustikerin ein Musikprogramm einrichten lässt. Das filtert dann nichts mehr und ist auf Musikgenuss optimiert. Es mag auch damit nicht mehr so sein wie früher, aber trotzdem besser als die anderen Programme.
13. Akku oder Batterie
Es gibt sowohl Hörgeräte mit Batterie als auch mit wiederaufladbaren Akkus. Oft kannst du bei dem gleichen Modell zwischen diesen Möglichkeiten wählen. Manche Hersteller bieten manche Eigenschaften allerdings auch nur in der einen oder anderen Variante an. Das passiert entweder aus Platzgründen oder Stromversorgungsgründen. Beispiele hierfür sind die T-Spule oder Künstliche Intelligenz.
Batterien haben offensichtlich den Nachteil, dass sie nicht gut für unsere Umwelt sind. Sie haben aber den Vorteil, dass du sie jederzeit austauschen kannst und damit keine Wartezeit hast, bis du wieder hörst.
Akkus haben den Nachteil, dass du jeden Abend daran denken musst, sie aufzuladen. Wenn du Dinge tust, die viel Strom brauchen, wie z.B. Musik streamen oder KI benutzen, dann ist die Akkulaufzeit manchmal sehr begrenzt, so dass dein Tag schneller vorbei sein kann als dir lieb ist. Auch werden Akkus mit der Zeit schwächer, also sind sie beim Kauf sehr viel ausdauernder als nach ein paar Jahren. Leider werden die wenigsten Akkus für dich als Benutzer austauschbar gebaut. Stattdessen gibt es für den Fall, dass dir mitten am Tag der Saft ausgeht, nur die Schnelllade-Option, die aber meistens bedeutet, dass du eine halbe Stunde aufs Hören verzichten musst. (Mehr dazu in Warum wiederaufladbare Hörgeräte (noch?) nicht das Wahre sind).
14. Der Preis
Ich erwähne den Preis hier als letztes, weil er natürlich für viele Menschen die Optionen einschränkt und somit auch ein wichtiges Kaufkriterium ist. Ich empfehle dir als Mensch mit Schwerhörigkeit allerdings immer damit anzufangen, welche von den obigen Punkten dir wie wichtig sind. Es gibt bei weitem nicht für jede Kombination der ganzen Möglichkeiten viele Hörgeräte im Angebot und am Ende hast du vielleicht sowieso nur noch die Wahl zwischen zwei Geräten. Wenn deren Preis über dem liegt, was du eigentlich ausgeben wolltest (oder konntest), solltest du nochmal darüber reflektieren, wie wertvoll deine Gesundheit und deine Möglichkeit, soziale Beziehungen aufzubauen eigentlich ist. Zur Not möchtest du dann vielleicht auf Ratenzahlungen, Hilfe aus der Familie oder das Einklagen bei deiner Krankenkase zurückgreifen.
Und versteht mich nicht falsch: ich finde es ein Unding, dass die Krankenkassen so wenig bezahlen. Und dass Dinge wie Bluetooth-Verbindungen und gute Restaurant-Programme immer noch als Luxus gelten. Kein Mensch mit Schwerhörigkeit sollte aus finanziellen Gründen nicht mehr mit seiner Familie telefonieren und mit Freunden in einem Cafe ein Gespräch führen können. Aber die Realität ist nunmal die, dass Hörgeräte teuer sind und dieser Artikel möchte euch trotz aller Widrigkeiten eine Anleitung sein.
Zusammenfassung und NICHT-Kriterien
Zusammenfassend möchte ich betonen: Hörgeräte sind vor allem für deine Gesundheit da: Du brauchst Sprachverstehen, um soziale Kontakte zu haben. Du brauchst drahtlose Verbindungsmöglichkeiten, um telefonieren zu können – sei es um mit deinen Lieben zu sprechen, einen Arzttermin zu machen oder den Stress auf der Arbeit zu reduzieren. Du brauchst Orientierung im Raum, um nicht zu stürzen oder vom Auto überfahren zu werden. Du brauchst die Wiedergewinnung aller vergessenen Audiosignale, weil dein Gehirn sonst abbaut.
Folgende Dinge sollten für die Auswahl deiner Hörgeräte nicht relevant sein:
- Der Klang: Es ist das, womit die Hersteller am meisten werben, aber verglichen mit den obigen Punkten ist es eine Nebensache. Insbesondere ist das etwas, woran sich dein Gehirn nach einer Weile immer dran gewöhnt, d.h. auch ein Hörgerät, welches erstmal nicht toll klingt, aber dir viel Sprachverständnis bringt, klingt nach zwei Wochen ganz normal. Es ist also einfach nichts, wonach du eine sinnvolle Entscheidung treffen kannst.
- Sichtbarkeit: Nochmal: Hörgeräte sind für deine Gesundheit da. Das sollte deine oberste Priorität sein. Ob sie klein oder unsichtbar sind, ist dafür irrelevant, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Oft musst du zugunsten der “Unsichtbarkeit” Kompromisse bei den obigen Punkten machen und das schadet immer deiner Gesundheit. Auch das Stigma von Behinderung oder Alter wird nicht besser, wenn wir Hörgeräte immer verstecken. Trage deine Hörgeräte mit Selbstverständlichkeit anstatt mit Scham.
- Die Marke: Der Hörgerätemarkt in den deutschsprachigen Ländern wird von einer Hand voll Konzerne bedient. Sie bieten alle eine ähnlich große und vielfältige Produktpalette an. Es ist nicht wichtig, welcher Name auf dem Hörgerät steht, sondern mehr, was es kann. Hier gibt es ein paar Unterschiede, aber die obigen Punkte leiten dich hier besser als ein Markenname.
- Die Lieferverträge deiner Akustikerin: Viele Akustikfachgeschäfte sind nicht mehr unabhängig, sondern gehören zu einem der grossen Konzerne. Daher bieten sie oft nur oder zumindest bevorzugt die Geräte dieses Konzerns an. Das ist aber nicht unbedingt die beste Wahl für dich. Wenn du das Gefühl hast, dass deine Akustikerin hier von vornherein die Produktpalette für dich einschränkt und dich z.B. von deinen Präferenzen bei den obigen Punkten wegbringen will, solltest du darauf bestehen, auch andere Marken testen zu dürfen. Alternativ haben andere Akustikerinnen auch schöne Geräte. (Siehe auch die Serie Wie findet man einen guten Akustiker?)
- Künstliche Intelligenz (KI): Derzeit wird KI sehr gehyped. Am meisten macht KI bei Hörgeräten bei der Sprechererkennung und Störgeräuschunterdrückung Sinn. Allerdings gab es die schon lange vor dem KI-Hype. Was die Hersteller uns gerade jetzt verkaufen wollen, sind vor allem tiefe neuronale Netze (Deep Neural Networks = DNNs), die aber genauso wie frühere Algorithmen vortrainiert sind. Kein Hörgerät mit KI lernt noch wirklich weiter, nachdem du es gekauft hast. Und auch vor DNNs haben die Hersteller schon gute Sprechererkennung und Störgeräuschunterdrückung angeboten, die auch durch maschinelles Lernen trainiert wurden. Ob DNNs wirklich so viel besser und dazu noch den erhöhten Stromverbrauch wert sind, das ist fraglich. Ich würde empfehlen, das auszuprobieren, aber es im Wesentlichen in den Punkt “Restaurant-Programm” mit einfließen zu lassen. Im Standardprogramm würde ich immer erstmal meinem Gehirn die Chance geben, also der natürlichen Intelligenz. (Siehe auch Künstliche Intelligenz in Hörgeräten – Stand Oktober 2025 – auch wenn dieser Artikel schon ein Jahr alt ist, hat sich grundsätzlich wenig geändert)
- Andere Programme: Neben den oben genannten Hörgeräteprogrammen werden oft weiter angeboten, z.B. “leise Umgebung” oder “Autofahren”. Ich hatte bisher nie den Eindruck, dass diese ausschlaggebend genug für die Kaufentscheidung sind.
- Die Farbe: Hörgeräte gibt es in verschiedenen Farben. Leider sind fast alle Hersteller da sehr konservativ und bieten ungefähr die gleiche Palette aus “beige zu grau” an. Es ist daher kein sinnvolles Auswahlkriterium, zumal es auch total irrelevant für die Gesundheit ist.
- Weitere Accessoires: Hörgerätehersteller bieten oft noch weitere Accessoires, also Zusatzgeräte an, z.B. Mikrofone die du einer Sprecherin anheften oder auf einen Besprechungstisch legen kannst. Das sind durchaus sinnvolle Dinge und du solltest sie definitiv auch testen, aber da sie fast jeder Anbieter mitanbietet, ist auch das ein wenig aussagekräftiges Kriterium für die Wahl des Hörgerätes.
Ich hoffe, dieser Artikel hat dir weitergeholfen. Mich würde interessieren, wonach ihr bisher eure Hörgeräte ausgesucht habt. Welche Aspekte fandet ihr wichtig, welche nicht? Von welchen hättet ihr gerne vorm erfahren, aber habt es nicht? Schreibt es in die Kommentare!