Wie Bluetooth-Hörgeräte mein Leben verändert haben

Wer mich kennt, der weiß dass ich die Formulierung „das hat mein Leben verändert“ nur sparsam verwende. In diesem Artikel möchte ich jedoch auf die jüngste technische Innovation eingehen, die mein Leben tatsächlich sehr verändert hat. Ende 2019 bekam ich meine neusten Hörgeräte, die Phonak Audeo Marvels. Diese haben Bluetooth-Funktionalität direkt in die Geräte eingebaut, das heißt, man braucht keinen zusätzlichen Adapter mehr.

Notiz für meine englisch-sprachigen Leser / Note for my English-speaking readers: An English version of a very similar article is available in my other blog hackandhear.com.

In diesem Artikel geht es um die Technologie Bluetooth. Wenn du ihn noch nicht bereits gelesen hast, so empfehle ich dir für den Einstieg meinen Artikel Bluetooth und Hörgeräte.

Bevor die Marvels in mein Leben traten, hatte ich bereits Hörgeräte, die man über Bluetooth verbinden konnte. Diese brauchten allerdings einen Adapter, den Phonak Compilot. Der Compilot war ein leicht klobiges Gerät, welches man mit einer Schlaufe um den Hals hängen musste. Ich habe den Compilot gleichzeitig geliebt und gehasst. Von allen Hörgeräte-Accessoires die ich so besitze, war er vermutlich das welches ich am meisten benutzt habe. Aber es gab auch viele Situationen wo ich ihn hätte benutzen können, aber es nicht getan habe. Hier kommt warum.

Telefongespräche annehmen

Seit ich Ende meiner 20er schwerhörig wurde, hatte ich so gut wie aufgehört Telefongespräche anzunehmen. Es war einfach zu schwer, den Anrufer zu verstehen. Ich wurde super pingelig was die Umstände anging, wenn ich überhaupt jemals einen Anruf annahm. Ich brauchte eine sehr geräuscharme Umgebung und eine sehr gute Telefonverbindung. Als Konsequenz daraus hatte ich es mir angewöhnt, jeden Anruf auf die Mailbox gehen zu lassen. Dann habe ich mir ein stilles Eckchen gesucht und die Nachricht so lange mehrfach hintereinander abgehört, bis ich sie vielleicht verstanden hatte. Meine Freunde und Familie lernten, dass ich fast nie abnahm und irgendwann gaben sie es auf mich anzurufen und wechselten zu Text-basierten Wegen mich zu erreichen.

Auch mit dem Compilot wurde es nicht attraktiver Telefongespräche anzunehmen. Zum einen muss man das Ding tragen und es mit dem Mobiltelefon verbunden haben, wenn der Anruf eingeht. Aber der Compilot war nicht dafür designet ihn ständig zu tragen. Er war klobig und es war physisch nervig ihn um den Hals hängen zu haben. Um den ganzen Tag bereit für Telefongespräche zu sein, hätten ich ihn den ganzen Tag tragen müssen, aber die Batterie reicht gar nicht so lange. Wenn ich ihn aufladen wollte, musste ich ihn an ein USB-Kabel hängen und wenn ich ihn dabei gleichzeitig benutzen wollte, so wäre ich quasi „an der Leine“ gewesen. Also habe ich ihn fast nie getragen und damit weiterhin keine Telefongespräche angenommen.

Mit Hörgeräten die Bluetooth-Funktionalität im Gerät eingebaut haben, habe ich diese Probleme nicht mehr. Ich muss kein klobiges Gerät mehr um den Hals baumeln haben, welches auch noch ständig aufgeladen werden will. Ich brauche nur noch meine Hörgeräte und mein Telefon. Auch ist es viel einfacher die Hörgeräte und das Telefon ständig verbunden zu halte und oft muss ich das gar nicht explizit einstellen. Sie finden sich automatisch, wenn das Telefon in meiner Nähe ist und alles ist bereit benutzt zu werden. Das war der Punkt an dem ich aufhörte, meine gesamte Umwelt damit zu nerven, dass sie doch bitte Text-basiere Wege nutzen sollten mich zu erreichen. Ich wurde wieder sowas wie ein normaler Mensch, könnte man sagen.

Telefongespräche machen

Mit dem Compilot habe ich hier und da immerhin ein paar Telefongespräche gemacht, bei denen ich meine Gesprächspartner angerufen habe. Auch hier war ich immer sehr wählerisch, was die Umgebung anging. Ich musste alleine und in einer Umgebung mit wenig Hintergrundgeräuschen sein. Dann würde ich nur für den Anruf den Compilot umhängen, anschalten, und mit dem Mobiltelefon verbinden. Dann sammelte ich all meinen Mut zusammen und tätigte den Anruf. Aber das würde ich auch nur auf mich nehmen, wenn es keine Optionen oder keine Zeit gab auf Text-basierte Kommunikation zurück zu greifen.

Mit eingebautem Bluetooth bin ich viel offener dafür geworden, jemanden anzurufen. Wie die meisten anderen Menschen auch, zögere ich nun weniger, einfach mal beim Arzt anzurufen und einen Termin zu machen (wobei ich nicht verstehe, warum gerade das so wenig barrierefrei ist). Das ist etwas was ich früher tagelang vor mich her geschoben habe. Gelegentlich nutze ich sogar Telefonanrufe um mal eben etwas zu organisieren, wofür ich früher ein Dutzend Emails geschrieben hätte statt 5 Minuten zu telefonieren.

Dinge hören beim Sport

Die häufigste Situation in der ich den Compilot benutzte, war um im Fitnessstudio Hörbücher zu hören während ich mich auf dem Laufband oder an den Geräten abrackerte. Das hat sich seitdem nicht viel geändert, das tue ich genauso gerne mit meinen neuen Hörgeräten. Allerdings musste ich den Compilot bei manchen sportlichen Aktivitäten abnehmen, weil er einfach physisch in die Quere kam. Er hing mir ins Gesicht, wenn ich kopfüber eine Turnübung machte. Er drückte, wenn er zwischen meinem Oberkörper und einem Polster eines Kraftgerätes eingeklemmt wurde. Diese Probleme verschwanden mit den neuen Geräten. Endlich kann ich immer was hören, egal was ich gerade im Fitnessstudio tue (außer beim Schwimmen natürlich).

Kleinscheiss hören

Ihr kennt diese lustigen Videos die Leute gerne in WhatsApp Gruppen oder sozialen Medien verteilen? Wenn die Audiospur bei solchen Videos von Bedeutung für das Verständnis war, dann habe ich sie früher nie geguckt. Solche Sachen zu gucken, hätte bedeutet, daß ich wieder irgendwoher den Compilot hätte herauskramen müssen, ihn zum Mobiltelefon verbinden müssen (oftmals mit mehreren Versuchen, weil Bluetooth halt). Das war schlicht und einfach zu viel Aufwand um etwas 2 Minuten lang anzuhören. Wenn mir die Person die es mir schickte am Herzen lang, so habe ich das manchmal abends nachgeholt, wenn ich den Nerv hatte, mich mit dem Adapter herum zu schlagen. Aber meistens hatte ich es bis dahin einfach vergessen. Sorry, Mama.

Das hat sich jetzt geändert. Seit meine Hörgeräte fast immer mit meinem Telefon verbunden sind, ist alles was ich tun muss nur noch auf den „Play“ Button zu drücken – wie es für die meisten Menschen Normalität ist. Je nach Sender der „lustigen Clips“ stelle ich nun fest, dass ich oft auch nichts von Qualität verpasst habe. Allerdings glaube ich, dass es mich hier und da mehr mit meinen Freunden und der Familie verbindet wenn ich so an der Unterhaltung teilhaben kann. Die Ausnahme ist vermutlich diese einer nervige Cousin den jeder in seiner Familie hat, der einem ständig betrunken Sprachnachrichten schickt. Aber Sprachnachrichten sind sowieso etwas was die Welt nicht braucht.

Zugang zu Bildung und Entertainment

Weil es in der Vergangen immer so mühselig war etwas hören zu können, was ich auf Mobiltelefon oder Laptop abspielen wollte, habe ich mir selten die Mühe gemacht. Mein Weg zur Arbeit waren 10 Minuten per S-Bahn, aber wenn ich 3 davon damit beschäftigt bin, meine Gerätschaften dafür ans Laufen zu kriegen, dann lohnt es sich irgendwie nicht, Podcasts zu hören.

Im Allgemeinen höre ich nun viel öfter Dinge. Podcasts, Radio, Hörbücher und manchmal sogar Hörspiele. Ich habe das Gefühl, dass ich meine Zeit besser füllen kann – und zwar mit mehr Bildung oder Entertainment. Ich vertreibe mir so langweilige Zeit (wie in der Bahn) viel engagierter in dem ich interessante Audio-Inhalte konsumiere. Endlich habe ich das Gefühl, dass ich in dieser Hinsicht nicht mehr zurück gelassen werde.

Zugehörigkeit und Produktivität im Job

Bevor ich Bluetooth-Hörgeräte bekam, habe ich es gehasst, wenn ich auf der Arbeit Videokonferenzen machen musste. An meinem Arbeitsplatz machen wir schon immer Videokonferenzen, bei denen alle die Kamera an haben (in anderen Firmen scheint das nicht so häufig der Fall zu sein). Ein Videobild zu haben, macht es für mich sehr viel leichter einer Besprechung zu folgen, weil ich dann Lippenlesen kann. Dennoch machen mich Videokonferenzen sehr schnell müde und erschöpft. Die Sound-Qualität ist selten wirklich gut, weshalb ich auf zusätzliche Hilfsmittel angewiesen bin.

In manchen Besprechungsräumen hat mein Arbeitgeber Induktionsschleifen installiert, die ich immer gerne genutzt habe. Allerdings kam dann Covid-19 um die Ecke und wir wurden alle ins Home Office geschickt. Weit weg von meinen Induktionsschleifen, bleibt mir nun nichts anderes übrig, als meine Bluetooth-Hörgeräte mit meinem Laptop zu verbinden und mich damit einzuwählen. Mit dem Compilot Adapter war das machbar, aber nicht sehr komfortabel. Insbesondere reichte die Batterie nicht einen ganzen Arbeitstag. Hätte ich also nicht kurz vor Covid meine neuen Hörgeräte bekommen, so hätte ich herausgefunden wie meine Kollegen reagieren, wenn ich Besprechungen absage mit den Worte „Sorry Leute, meine Hörkapazität für heute ist aufgebraucht.“

Technisch gesehen, habe ich immer noch ähnliche Probleme mit meinen Bluetooth-Hörgeräten. Auch sie verbrauchen mehr Strom wenn die Bluetooth-Funktionalität benutzt wird, aber sie halten immerhin länger als einen Arbeitstag durch. Wenn sie mitten in einer Besprechung aufgeben, dann kann ich wenigstens einfach sofort neue Batterien reinstecken und mit der Besprechung fortfahren. (Mit Akku-Hörgeräten wäre das übrigens nicht möglich, wie ich euch in Warum wiederaufladbare Hörgeräte (noch?) nicht das Wahre sind schon erzählt habe).

Mit meinen neuen Hörgeräten haben sich Dinge geändert. Ich bin immer noch noch kein Fan von Videokonferenzen, aber ich vermeide sie nicht mehr wie die Pest. Insbesondere seit eine wirkliche Pest da draußen grassiert, mache ich lieber ein paar mehr Videokonferenzen um mit den Kollegen zu quatschen als vor die Tür gehen zu müssen. Ich bin dazu über gegangen endlose Email-Gespräche mit einem 10-Minuten-Videogespräch zu ersetzen, nur weil es sehr viel einfacher geworden ist wenn ich nicht so viel mit dem Aufsetzen der Technik beschäftigt bin.

Zusammenfassung

Auch wenn ich in Was an Bluetooth-Hörgeräten nervt sehr über sie geschimpft habe, haben Bluetooth-Hörgeräte im Großen und Ganzen sehr verändert wie ich mit meinen Freunden und meiner Familie kommuniziere, wie zugehörig und produktiv ich mich auf der Arbeit fühle und wie viele interessante Inhalte ich nun hören kann. Danke dir, Hörgeräte-Industrie.

Ein Gedanke zu „Wie Bluetooth-Hörgeräte mein Leben verändert haben

  1. Ach verdammt, darf ich Dir weiterhin schreiben? Das fand ich immer sehr sympathisch an Dir. 😉
    Sehr schön geschriebener Artikel. Ich habe bei meinen Tests mit verschiedenen Box-Lösungen (z.B. ComPilot) diverser Hersteller festgestellt, dass oft Kleidungsrascheln, Autobrummen (Innenraum, Straßenlärm wird gut gefiltert), und ähnliches das Telefonat für den Gegenüber schwierig machten.
    Die Phonak Marvel oder Paradise sind hier deutlich vorne. Und gut angepasst sogar angenehmer als ein traditioneller BT Headset.

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