Warum Untertitel trotz Hörgeräte?

Für Menschen die schwerhörig sind und mit Hörgeräten versorgt sind, ist es üblich dennoch oft Untertitel für Videos und Fernsehen zu nutzen. Unserer Umgebung mag das seltsam vorkommen, denn mit Hörgeräten sollte unser Hörproblem doch gelöst sein, oder? Warum wir dennoch gerne Untertitel benutzen, erkläre ich hier. Auch dies ist ein Artikel den man vielleicht auch seiner hörenden Umgebung teilen möchte.

Trotz meiner ganz guten Hörgeräte habe ich mir schon ziemlich zu Beginn meines Hörverlustes angewöhnt, bei Video-Inhalten (Fernsehen, Youtube, Netflix & Amazon, etc.) immer mit Untertiteln zu schauen. Mittlerweile ist es sogar so, dass ich Dinge lieber gar nicht gucke wenn es keine Untertitel gibt. (Ich schaue auf dich, Amazon.) Ich habe auch schon DVDs gekauft, nur weil die im Gegensatz um Streaming-Angebot Untertitel hatte. Mein Mann und meine Freunde wissen mittlerweile dass sie mich nicht zum Videoabend einladen brauchen wenn es keine Untertitel gibt. Warum bestehe ich auf Untertiteln?

Es kostet weniger Energie

Hörgeräte – selbst sehr gute und moderne – lösen ein Hörproblem selten zu 100%. Das heißt die letzten paar Prozent muss in unserem Fall unser Gehirn übernehmen. Was wir nicht hören, muss es sich zusammenraten aus dem Zusammenhang, den Hintergrundgeräuschen und -musikuntermalung, der Mimik und der Gestik der Schauspieler. Das kostet Energie. Wenn ich in meiner Freizeit einen Film schaue, dann möchte ich das – wie die meisten Menschen – als entspannende Unterhaltung tun. Wenn ich mich aber sehr konzentrieren muss um der Handlung zu folgen, dann ist das nicht so entspannend wie für hörende Menschen. Mit den Jahren habe ich gemerkt wie wichtig es ist, dass man in seiner Freizeit wirklich die Möglichkeit bekommt seine Batterien aufzuladen, statt durch Freizeitaktivitäten noch mehr Energie zu verlieren. Untertitel sind eine Möglichkeit Energie zu sparen. Statt aus dem Zusammenhang zu raten, lese ich einfach was gesprochen wird und gut ist. (Das hat also viel mit der Loeffel-Theorie zu tun, von der ich vor einer Weile schrieb.)

Genau genommen kostet Untertitel lesen auch ein wenig Energie, aber meiner Erfahrung nach weniger als wenn ich etwas ohne Untertitel gucke. Das kommt natürlich auch ein wenig auf die Übung an. Wenn man sich angewöhnt Untertitel zu nutzen, dann ist es anfangs etwas ungewohnt dass man gleichzeitig lesen und das gezeigte Bild anschauen muss, aber nach einer Weile lernt man beides in einem Blick zu machen.

Neulich hat mich ein hörender Mensch mal gefragt

„Aber sonst im Leben hast du doch auch keine Untertitel, warum bestehst du bei Filmen darauf?“

Meine Antwort (die ich eigentlich schreien wollte), war:

„Ja, aber ich hätte gerne immer Untertitel! Nur weil die Welt nicht weit genug ist mir Untertitel in meiner Brille einzublenden, heißt das doch nicht dass ich sie nicht wenigstens in den Situationen nutzen will wo es sie gibt!“

(Und ja, ich weiß, Google Glass wäre prädestiniert für diese Funktion gewesen. Leider hat es das nicht bis auf den Markt geschafft.) Übrigens nutze ich auch oft Untertitel bei Live-Events (Besprechungen, Konferenzen etc.) die stenografiert oder computergeneriert sind. Die sind zwar oft nicht so gut wie die Untertitel von Filmen, aber sie helfen trotzdem hier und da die Verständnislücken zu füllen.

Dialog vs. Hintergrunduntermalung

Viele Filme haben oft laute Hintergrundgeräusche oder Musikuntermalung – relativ zum Dialog im Vordergrund. Das ist sicherlich hilfreich für die Atmosphäre und den Aufbau der Spannung, aber hilft leider nicht dabei wenn man die Dialoge verstehen will. Daher benutzte ich besonders gerne in actiongeladenen Filmen Untertitel, damit ich zwischen dem Geballer noch etwas vom Inhalt mitkriege. (Man mag zurecht anmerken, dass die Dialoge in solchen Filmen nicht immer allzu wichtig sind. Das stelle ich auch gelegentlich fest, aber dennoch möchte ich gerne die Möglichkeit haben selbst zu dieser Erkenntnis zu gelangen.)

Das gleiche Prinzip gilt für jegliche Art von Videos, wo der Ton nicht gut ist. Das ist z.B. der Fall bei Interviews von Leuten auf der Strasse die in den Nachrichten eingeblendet werden, Dokumentationen mit Archiv-Videomaterial oder Amateurvideos mit schlechter Ausrüstung.

Fremdsprachen Lernen

Wenn du in deinem Leben eine (oder mehrere) Fremdsprachen gelernt hast, dann schaust du vielleicht auch gerne einen Film in der Original-Sprache. In so einem Fall benutze ich besonders gerne Untertitel – und zwar ebenfalls in der Original-Sprache. So kann ich wenn ich ein Wort nicht verstehe oder vielleicht noch nie gehört habe in den Untertiteln die Schreibweise sehen und es so gegebenenfalls sogar einfacher nachschauen.

Eine Fremdsprache zu lernen ist für Schwerhörige besonders herausfordernd. Wenn du schon in deiner Muttersprache nicht jeden Laut wahrnimmst, wird es für dich so schwieriger eine neue Sprache zu lernen in der es vielleicht sogar neue und ungewohnte Laute gibt. Daher ist es für viele Schwerhörige besonders wichtig, eine Sprache mit viel schriftlicher Darstellung zu lernen.

Wenn Hörgeräte nicht zur Verfügung stehen

Auch wenn man mit Hörgeräten versorgt ist, gibt es dennoch Situationen wo man diese nicht tragen kann, oder sie bei weitem nicht mehr ausreichen um den Ton des Mediums aufzunehmen. Das kann bei folgenden Situationen sein:

  • Du hast deine Hörgeräte verloren, sie sind kaputt, oder die Akkus oder die Batterien sind leer.
  • Du möchtest dich gemütlich aufs Sofa legen beim Film gucken und damit mindestens ein Ohr in ein Kissen drücken. Das geht meist besser ohne das eine Hörgerät, weil es sonst unangenehm drückt.
  • Du hast eine Ohrenentzündung und du kannst deine Hörgeräte gerade nicht tragen, weil das sehr schmerzhaft wäre.
  • Du bist gezwungen den Ton des Mediums über Kopfhörer aufzunehmen. Kopfhörer passen nur selten gut über Hörgeräte. Das heißt es kommt kaum was von dem Ton bei dir an. Das ist zum Beispiel der Fall bei den Kopfhörern die sie einem im Flugzeug geben – dazu kommt noch die Geräuschkulisse im Flugzeug erschwerend hinzu. Ein weiteres Beispiel sind Audioguides die es oft in Museen und Kunstgalerien gibt. (Die alternative Lösung in diesen Fällen ist es den Ton direkt in die Hörgeräte zu leiten. Das geht mit Bluetooth oder diversen Adaptern, über die ich in der Zukunft in weiteren Artikeln genauer eingehen werde.)
  • Du kannst aus irgendwelchen Gründen den Ton des Medium gar nicht anmachen oder nur sehr leise. Eine hörende Freundin von mir schaut oft Filme auf sehr leiser Lautstärke mit Untertiteln, damit sie ihre schlafenden Kinder nicht weckt.
  • Du liegst in der Badewanne und schaust von da aus Fernsehen. Da Hörgeräte nicht 100%ig wasserdicht sind und du dich ja auch hinter den Ohren waschen solltest, trägst du sie vermutlich in der Badewanne nicht.

Nachfrage schaffen

Untertitel helfen generell nicht nur schwerhörigen oder gehörlosen Menschen, sondern zum Beispiel auch Menschen die aus einem anderen Land kommen. Untertitel sind daher eine Form der Barrierefreiheit – egal ob die Barriere eine Behinderung oder eine Sprachbarriere oder noch einen ganz anderen Hintergrund hat. Gelegentlich frage ich nach Untertiteln, auch wenn es mir nicht super wichtig ist (wenn der Ton schon sehr gut ist, oder mich der Inhalt nicht interessiert). Das tue ich trotzdem, weil ich finde dass eigentlich jeder Inhalt der auf Video veröffentlicht wird mit Untertiteln kommen sollte. Barrierefreiheit sollte die Regel werden und nicht immer nur im Nachgang beachtet werden (wenn überhaupt), wenn sich jemand beschwert. Daher sollten wir immer danach fragen, damit es in Fleisch und Blut übergeht und wir und die nachkommenden Generationen eines Tages nicht mehr extra fragen müssen.

Fazit

Ich hoffe ich konnte dir in diesem Artikel ein erklären, warum wir oft auch mit Hörgeräten noch Untertitel nutzen. Solltet ihr Untertitel aus Gründen nutzen die ich hier nicht aufgeführt habe, so bin ich sehr neugierig davon zu erfahren. Schreibt mir doch einen Kommentar oder kontaktiert mich auf andere Weise. Lieben Dank!

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