Besserer Musikgenuss mit Hörgeräten

In meinem früheren Artikel Warum Musikgenuss mit Hörgeräten eine Herausforderung ist habe ich erklärt, warum Musikgenuss mit Hörgeräten nicht leicht zu erreichen ist. Nach den der Beschreibung der Ursachen, gibt es in diesem Artikel nun ganz konkrete Tipps dazu was du (und dein Akustiker) machen können, damit Musik für dich besser klingt.

Was dein Akustiker machen kann

Für diese Tipps, solltest du deinen Akustiker aufsuchen. Es ist dabei egal ob du gerade im Prozess bist, neue Hörgeräte anzupassen, oder ob du deine schon etwas länger trägst. Dein Akustiker sollte dir so oder so helfen können.

Musik-Programm

Die meisten Hörgeräten kommen mit verschiedenen Programmen, also Voreinstellungen zwischen denen du als Benutzer wählen kannst. Du kannst zwischen Programmen umschalten in dem du entweder einen Kopf an deinen Hörgeräten selbst betätigst, einen Knopf auf deiner Fernbedienung oder in deine Handy-App drückst (wenn vorhanden).

Mein Tipp an dieser Stelle ist: Lass dir von deinem Akustiker ein Programm einrichten, welches für Musikgenuss optimiert ist. So ein Programm sollte im wesentlich „nur“ den Hörverlust ausgleichen, aber keine zusätzlichen Optimierungen vornehmen. So ist das Eingangssignal, also die Musik, möglichst unverfälscht und kommst mehr oder weniger so wie sie komponiert wurde in deinem Ohr an. Das sollte die Nachteile, die mit der Optimierung auf Sprache zusammenhängen nicht haben, weil es sich nicht darauf konzentriert die Sprachbanane zu verstärken und alles andere nicht.

An dieser Stelle der Hinweis, dass manche Hörgeräte keine speziellen Voreinstellungen für ein Musikprogramm haben. Das ist vor allem den höherwertigen Geräten vorbehalten. Solltest du also bereits ein günstigeres Gerät gekauft haben, so kann dir der Akustiker vermutlich trotzdem ein zweites Programm hinzufügen, aber muss das manuell für Musik einstellen ohne auf die vom Hersteller empfohlenen und getesteten Einstellungen zurückgreifen zu können. Solltest du dich noch nicht für ein Gerät entschieden haben, so kann der Wunsch nach einem Musikprogramm dazu führen, dass du ein teureres Modell nehmen möchtest.

Übrigens haben gerade die hochwertigeren Modelle oft einen Automatismus, der erkennen will, ob gerade Musik läuft und dann von alleine in für Musik optimierte Einstellungen wechselt. Das funktioniert meiner Erfahrung aber nur in der Theorie gut. Denn je nach dem was dein Musikgeschmack beinhaltet, erkennt dein Hörgerät es vielleicht doch nur als „Lärm“ und regelt es eher runter als rauf. Über Geschmack lässt sich also auch mit Hörgerätealgorithmen streiten. Daher bevorzuge ich persönlich ein separates Programm welches ich selber auswählen muss.

Ohrstücke gegen Rückkopplungen

Ein Nachteil von Musikprogrammen ist, dass sie dazu führen können, dass deine Hörgeräte zu Rückkopplungen neigen. Rückkopplungen habe ich in Warum fiept mein Hörgerät? schon einmal im Detail erklärt. Es handelt sich um die Situation, wo das Mikrophon des Hörgerätes den Schall aufnimmt den es gerade selbst durch die Lautsprecher abgegeben hat und damit sofort wieder verstärkt. Das endet in einer Art akustischer Endlosschleife und für uns in einem nervigen Fiepen.

Wie beschrieben, versucht ein Musikprogramm die Musik möglichst unverfälscht ans Ohr weiter zu geben. Das heißt, dass manche Töne hier nicht runtergeregelt werden, die im Sprachprogramm eher ausgeblendet werden (z.B. sehr hochfrequente Töne die eine Geige produziert und die in Sprache eher nicht vorkommen). Hier kann es dann eher passieren, dass es zu einer Rückkopplung kommt. Moderne Hörgeräte haben dann eine Rückkopplungssunterdrückung, die eine Rückkopplung erkennt und die betroffenen Frequenzen nicht mehr verstärkt. Diese Rückkopplungssunterdrückung ist bei Musikprogrammen oft auch ausgeschaltet, denn sonst würde sie ständig Frequenzen unterdrücken, die wir eigentlich für den vollen Musikgenuss hören möchten.

Die Lösung ist hier zweigeteilt: zum einen sollte dein Akustiker schauen, dass die Parameter des Musikprogramm vorsichtig angepasst werden, so dass möglichst keine Rückkopplungen kommen, aber dass du trotzdem noch möglichst viele Frequenzen verstärkt bekommst.

Der zweite Schritt ist, über Ohrstücke nachzudenken. Genaueres habe ich hierzu schon in Ohrstücke: Otoplastiken oder Schirmchen? geschrieben. Der Trick ist, ein Ohrstück zu wählen mit möglichst wenig und kleinen Luftlöchern, so dass einfach nicht viel Schall aus dem Ohr nach draußen (und damit zu den Mikrophonen des Hörgerätes) entweichen kann. Je nach dem, welche Ohrstücke (Schirmchen oder Otoplastiken) du bisher hattest, besteht also die Möglichkeit, dass du dir hier ein paar andere Ohrstücke aussuchst.

Die Unbehaglichkeitsschwelle ausreizen

In Die Unbehaglichkeitsschwelle schrieb ich über die Unbehaglichkeitsschwelle. Das ist die Grenze ab der wir laute Geräusche als unangenehm empfinden. Normalerweise stellen Akustiker Hörgeräte so ein, dass die Hörgeräte nicht über diese Schwelle hinaus verstärken.

Es gibt aber durchaus die Möglichkeit, hier beim Musikprogramm eine Ausnahme zu machen. Denn nicht jeder Ton ist im gleichen Zusammenhang unangenehm für dich. Man will es verhindern in Situationen wo man wenig Kontrolle hat welchen Ton man hört, z.B. bei Gesprächen, denn du kannst ja wohl kaum die Stimme deiner Gesprächspartner ändern. Allerdings kann es durchaus sein, dass du es bei deiner Lieblingsmusik gar nicht als unangenehm empfindest, auch wenn der gleiche Ton kurz über der Schwelle liegt.

Natürlich sollte das Hörgerät nicht ständig über diese Grenze verstärken, aber es liegt in der Kunst des Akustikers und deiner Mitarbeit, dass ihr zusammen einen guten Mittelweg für die Parameter findet.

Der fehlende Bass

Wie im Artikel über die Ursachen erwähnt, ist ein Grund für den mangelnden Musikgenuss, dass Hörgeräte nicht so viel Bass produzieren. Da kann dein Akustiker zumindest ein wenig gegen tun. Im Musikprogramm (oder auch im normalen Programm), kann er die tieferen Töne, also den Bass, etwas mehr verstärken. Mit „etwas mehr“ meine ich mehr als dein Hörverlust es eigentlich benötigen würde. Oft haben wir Schwerhörige nur einen Hörverlust in den hohen Tönen, also werden die Hörgeräte standardmäßig auch nur so einstellt, dass sie die hohen Töne verstärken, aber die tiefen so lassen wie sie sind. Hier kann eine kleine Anhebung der Verstärkung schon bewirken, dass sich der Sound insgesamt voller anhört – auch wenn ein Hörgerät natürlich keinen Subwoofer ersetzt.

Adapter

Generell ist mein Rat zum Thema Musik: versuche deine Hörgeräte möglichst mit der Quelle der Musik zu verbinden. Wenn es sich hierbei um Musik aus einem technischen Gerät handelt, dann gibt es mittlerweile viele Möglichkeiten, Hörgeräte damit direkt zu verbinden. Es gibt Adapter (mit und ohne Kabel) für Mobiltelefone, welche auch mit Tablets und Computern funktionieren. Auch für Fernseher gibt es Geräte, die dir den Ton des Fernsehens direkt in dein Hörgerät übertragen. Und zu guter letzt möchte ich hier die gute alte Induktionsschleife erinnern, welche in Opernhäusern, Theatern und Veranstaltungssälen oft verlegt sind und deren Ton man mit einer speziellen Antenne im Hörgerät direkt aufnehmen kann. All diese Optionen werde ich in diesem Blog noch genauer beleuchten. Hier nur der Hinweis dass es sie gibt und dass du bei Interesse deinen Akustiker danach fragen solltest. Leider ist es allerdings so, dass die wenigsten dieser „Accessoires“ (wie sie die Hörgeräte-Industrie so schön nennt) von der Krankenkasse übernommen werden.

Was du als Hörgeräteträger tun kannst

Von den ganzen Dingen die dein Akustiker machen kann abgesehen, gibt es noch ein paar, die du selbst befolgen kannst um den Musikgenuss für dich zu optimieren.

Wenn möglich, nutze eine direkte Verbindung

Solltest du die Möglichkeit haben, deine Hörgeräte direkt mit der Quelle der Musik zu verbinden, dann benutze sie auch. Es nützt nicht, sich einen tollen Adapter zu kaufen, wenn er dann doch zuhause in der Schublade liegt, wenn man gerade in der Bahn sitzt und Musik hören will.

Sorge FÜR ein gutes akustisches Setup

Wenn eine direkte Verbindung nicht möglich (oder aus Gründen unerwünscht) ist, dann solltest du wenigstens dafür sorgen, dass die akustische Situation möglichst gut ist. Das bedeutet zum einen, dass der Ton aus eine möglichst hochwertigen Quelle kommen sollte. Damit meine ich das Abspielen der Musik über eine hochwertige Anlage mit guten Boxen. Ich verstehe ja bis heute nicht, warum Leute sich Musik aus quäkenden Handylautsprechern antun, das ist für mich der Inbegriff von einem schlechten akustischen Setup. Gerade wenn man oft zuhause Musik hört, dann lohnt sich die Investition in einen guten Verstärker und Boxen erst recht.

Auch kannst du dafür sorgen, dass der Klang im Raum gut ist, indem du die akustischen Gegebenheiten im Raum änderst. Räume wo wenig Klang absorbierende Materialien vorhanden sind, sorgen oft für ein Echo oder einen Hall, welches den Musikgenuss beeinträchtigen kann. Hier hilft es Vorhänge, Teppiche, Kissen oder sonstige Einrichtungsgegenstände mit Stoffüberzug in den Raum zu bringen.

Nicht nur die Qualität der Sound-Quelle ist wichtig, sondern auch wie du dich relativ zu ihr im Raum befindest. Wenn du dir eine Anlage mit Stereo (oder mehr) Boxen gönnst, dann solltest du dich auch mittig davor setzen, damit du die Räumlichkeit des Klanges am besten wahrnehmen kannst.

An dieser Stelle noch der Hinweis: Kopfhörer über Hörgeräten sind kein gutes akustisches Setup. Kopfhörer sorgen erst recht für Rückkopplungen, die dann zu heruntergeregelten Frequenzen führen und damit die Musik verhunzen. Dazu wird es aber auch noch einen gesonderten Artikel geben.

Entweder Oder

Sofern es nicht aus meinen bisherigen Tipps klar geworden ist: guter Musikgenuss über Hörgeräte bedeutet vor allem, dass man sich bewusst für Musik entscheiden muss. Schwerhörig zu sein bedeutet leider, dass man sich immer entweder für Musik oder für Sprache (und damit gegen Musik) entscheiden muss – je nach dem was die Situation verlangt.

Situationen wo beides wichtig ist, sind dann allerdings wiederum schwierig zu meistern. Ich denke hier an gemeinsames Musikhören mit Freunden und wo du dich gleichzeitig auch mit selbigen unterhalten möchtest. Ein anderes Beispiel ist auf ein Rock-Konzert gehen und sowohl die Musik zu genießen als auch zu verstehen wenn dein Kumpel dich fragt ob du noch ein Bier von der Bar haben willst. Zu guter letzt trifft diese Situation auch auf das Schauen von Filmen zu, wo der Dialog oft mit Musik unterlegt ist. Für dieses „Entweder/Oder“ gibt es leider noch keine tolle Lösung, aber schauen wir mal wie gut die automatische Erkennung von Musik in Hörgeräten in Zukunft wird.

Fazit

Mit etwas Geduld und Einsatz kannst du zusammen mit deinem Akustiker einiges dafür tun, dass Musik wieder toll klingt.

  • Such dir Hörgeräte mit Musikprogramm aus, und lasse dir ein separates Programm dafür einrichten.
  • Wähle Ohrstücke mit kleinen Luftlöchern gegen Rückkopplungen.
  • Lass den Bass anheben.
  • Verbinde deine Hörgeräte direkt mit der Quelle der Musik.
  • Wenn das nicht möglich ist, sorge für Musik aus einer guten Quelle in einem Raum ohne Hall und platziere dich mittig vor die Quelle.

3 Gedanken zu „Besserer Musikgenuss mit Hörgeräten

  1. Hallo Helga, wiedermal ein ein toller Artikel.
    Welche Erfahrungen hast Du mit Hörbüchern? Prog1 (Sprachverstehen/Automatik) oder Prog 2 (Musik) oder gar ein 3. Prog?
    HG sind zwar auf die Sprache optimiert, aber auf natürliche Sprache, Hörbücher sind oft sehr abgemischt, veraendert, komprimiert, ‚optimiert‘, so dass das HG unter Umstaenden keien natürliche Sprache mehr erkennt. In dem Fall ist das von Dir beschriebene Musikprogramm vieleicht die bessere Option?

  2. Hi,
    danke fuer den Kommentar!

    Ich wuerde grundsaetzlich unterscheiden zwischen Hoerbuechern (ein Sprecher, selten Musik, keine Geraeusche) und Hoerspielen (mehrere Sprecher, Hintergrundmusik und Hintergrundgeraeusche).

    Bei Hoerbuechern ist es ja ganz klar Sprache was man konsumieren will, daher nehme ich da mein universelles auf Sprache opimiertes Programm (Prog1). Bei Hoerspielen ist die Musik ja meistens auch eher nebensaechlich, daher nehme ich da meist auch Prog1, auch wenn da der Audiogenuss fuer die Sprachverstaendlichkeit etwas leidet.

    Leider war ich enttaeuscht zu hoeren, dass man beim Streamen via Bluetooth keine Option auf ein Musikprogramm hat. Es gibt (bei meinen Phonak Audeos) angeblich nur ein universelles BT Programm (dass dann auf Sprache optimiert) und man kann nicht ein zweites Musik-BT-Programm machen. Schade! Denn dann klingt Musik per Streaming eher nicht so gut.

    Zum Thema Hoerbuecher/Hoerspiele: Hoerspiele finde ich in der Tat am schwierigsten zu konsumieren seit ich schwerhoerig bin. Das ist ja quasi wie ein Film nur dass man weder Bild noch Untertitel als Hilfe hat. Daher hoere ich die nur noch in perfekten Umgebungen oder mehrmals bis ich alles mitgekriegt habe (oder es mir egal ist). Daher bin ich fast nur noch auf Hoerbuecher umgestiegen. Die kann ich im Gegensatz zu Hoerspielen auch im Auto bei Fahrgeraeuschen hoeren (wenn auch etwas angestrengt).

    Cheers,
    Helga

  3. Pingback: Was an Bluetooth-Hörgeräten nervt | Doofe Ohren

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