Mehr Teilhabe durch Induktionsschleifen

Vor einiger Zeit habe ich eine kleine Reihe über Verbindungsmöglichkeiten von Hörgeräten begonnen. Diese führen wir heute weiter, mit einer meiner Lieblingstechnologien: Der Induktionsschleife.

Was ist eine Induktionsschleife

Induktionsschleifen kennt der ein oder andere vielleicht noch aus dem Physikunterricht. Es ist eine Technologie die Daten, insbesondere Audiodaten, in elektrische Ströme umwandelt um sie dann durch eine Kabelschleife als elektromagnetisches Feld zu senden. So kann man unter anderem Tonsignale an Hörgeräte übertragen. Die Hörgeräte müssen dazu eine passende Antenne eingebaut haben, die sogenannte Telefonspule, T-Spule oder auch T-Coil.

Wenn man Induktionsschleifen für diesen Zweck nutzt, also um Töne in Hörgeräte zu übertragen, dann nennt man das ganze offiziell Induktive Höranlage (Wikipedia). Ein weiteres geläufiges Wort ist Ringschleife.

Formen von Induktionsschleifen

Induktionsschleifen die mit Hörgeräten verwendet werden findest du in zwei Formen, einmal im Boden verbaut oder als Schleife zum Umhängen um den Hals.

Setup einer Induktionsschleife in einem Veranstaltungssaal
Setup einer Induktionsschleife in einem Veranstaltungssaal

Der klassische Fall ist, wenn die Induktionsschleife im Boden verlegt ist. Das ist der Fall, wenn man diese Technologie zum Beispiel in Theatern oder Konzertsälen verbaut. In dem Fall wird die Schleife im Boden um das Publikum (oder einen Teil des Publikums) gelegt. Als Hörgeräte-Träger muss man sich dann einfach auf einen Platz innerhalb der Schleife setzen um diese Technologie nutzen zu können.

Der Vorteil dieses Aufbaus ist, daß man nur eine Schleife für mehrere Nutzer braucht. Auch ist diese völlig unsichtbar für die anderen. Alles was du als Hörgerätenutzer tun musst, ist dein Hörgerät in das richtige Programm zu stellen und schon kannst du der Darbietung auf der Bühne lauschen. Du musst niemanden dafür fragen oder dich irgendwie rechtfertigen.

Da solche Induktionsschleifen ansonsten unsichtbar sind, gibt es extra Hinweisschilder, damit man sie als Hörgeräteträger auch findet und nutzen kann.

Die zweite Art von Induktionsschleifen besteht aus einer kleinen Kabelschleife, die du als Hörgeräteträger dir direkt um den Hals hängen kannst.

Setup einer Induktionsschleife die um den Hals getragen wird
Setup einer Induktionsschleife die um den Hals getragen wird

Die Quelle des Tonsignals, z.B. die Soundanlage des Theaters, wird mit einem Sender verbunden. Der Sender sendet das Signal an einen kleinen Empfänger an den Enden des Kabel, welches dir um den Hals hängt. Der Empfänger selbst wird dann zum wiederum zum Sender und nutzt die Schleife um das Signal an deine Hörgeräte zu senden.

In beiden Formen sind also deine Hörgeräte innerhalb der Schleife, ob sie nun um deinen Hals hängt, oder im Boden verbaut ist.

Bei der Kabel-um-den-Hals-Variante ist es allerdings so, dass nur ein Teil des Weges über die Induktionsschleife abgedeckt ist. Bevor das Signal auf die Induktionsschleife kommt, muss es erst noch von der Soundanlage zum Kopf der Schleife kommen. Hier gibt es verschiedene Technologien. Alle davon sind nicht induktiv, denn sonst bräuchte man ja auch da eine Schleife. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, nämlich zum Beispiel herstellerabhängige Funkprotokolle oder Infrarot. Das kommt einfach auf den Hersteller der Anlage an.

Die Antenne im Hörgerät

Wie ich oben bereits erwähnte, heißt die Antenne im Hörgerät, die das induktive Signal erfaßt, Telefonspule, T-Spule oder auch T-Coil. Nun fragst du dich vielleicht, was das mit Telefonen zu tun hat. Das hat vor allem historische Gründe.

Früher konnten Telefonhörer kleine Induktionsfelder generieren. Außerdem war ein Magnet in ihnen verbaut. Wenn man den Telefonhörer dann ans Ohr eines Hörgeräteträgers hielt, hat der Magnet bewirkt, daß sich das Hörgerät in das Induktionsschleifen-Programm schaltete und somit das Telefongespräch direkt in die Ohren übertragen wurde.

Leider ist diese Anwendung von Induktionsschleifen aus der Mode gekommen, da moderne Telefonhörer kein ausreichend starkes Magnetfeld erzeugen können.

Vorteile von Induktionsschleifen

Induktionsschleifen als Technologie im Zusammenhang mit Hörgeräten haben einige Vorteile.

  • Kompatibilität. Der größte Vorteil ist, daß sie Hersteller-unabhängig sind. Das heißt du kannst sie mit jedem Hörgerät benutzten, welches eine Telefonspule verbaut hat, egal wer das Gerät hergestellt hat. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber allen anderen Technologien. Denn so muß ein Betreiber eines Theaters sich keine Gedanken machen, ob er sich durch den Kauf einer solchen Anlage vielleicht nur einen Teil der Hörgeräteträger glücklich macht.
  • Die Variante die im Boden verbaut wird, hat außerdem den Vorteil, daß man relativ viele Hörgeräteträger mit einer Anlage versorgen kann. Wenn man die Schleife um einen Block mit 100 Sitzplätzen verlegt, so können bis zu 100 Nutzer dort sitzen. Im Vergleich dazu müßte man bei der Um-den-Hals-Variante jedem dieser 100 Menschen eine Schleife ausgeben und das würde weitaus mehr kosten.

Daneben gibt es noch allerlei Vorteile die für alle Technologien gelten, die den Ton direkt von der Quelle in ein Hörgerät übertragen. Siehe hierfür nochmal Verbindungsmöglichkeiten von Hörgeräten.

Nachteile von Induktionsschleifen

Induktionsschleifen kommen allerdings auch mit einigen Nachteilen.

  • Sie sind nicht abhörsicher. Diese Technologie ist über 40 Jahre alt und damals hat noch keiner über Verschlüsselung nachgedacht. Das macht sie zum einen sehr kompatibel (weil auch keins der empfangenden Hörgeräte die Verschlüsselung entschlüsseln können muß), aber ist daher halt auch nicht abhörsicher. Das heißt, daß du dir theoretisch einen Empfänger bauen kannst mit dem du, wenn du nah genug heran kommst, das Tonsignal abhören kannst, auch wenn du vielleicht nicht einmal im Raum bist, sondern nur in der Nähe. Das ist im Theater vermutlich weniger ein Problem, denn das schlimmste was passieren kann, ist daß jemand mit einer Antenne die Audiospur des Theaterstücks verfolgen kann, ohne ein Ticket bezahlt zu haben. Auf firmeninternen Konferenzen ist das schon kritischer, da hier vielleicht das ein oder andere Firmengeheimnis besprochen wird. Hier hat die Firma ein berechtigtes Interesse, daß nur die im Raum anwesenden Mitarbeiter mithören können.
  • Interferenzen. Aufgrund der physikalischen Grundlagen dieser Technologie, kann es schon einmal passieren, daß die Tonqualität durch Interferenzen mit anderen Quellen gestört wird. Das heißt im Klartext, daß der Ton manchmal durch ein „Kratzen“ oder „statischen Lärm“ gestört wird. Auslöser dafür sind oft Stromleitungen oder Hallogenstrahler. Das ist zum Beispiel ein Problem in Gebäuden die nahe einer Bahnstrecke mit Oberleitungen liegen.
  • Die Um-den-Hals-Variante hat außerdem den Nachteil, daß sie relativ klobig ist. Meist hängt am Kopf der Schlaufe der Empfänger, ein kleines Kästchen. Das ganze ist also überhaupt nicht unsichtbar und eventuell auch physisch störend. Das ist für eine Theatervorstellung vielleicht noch akzeptabel, aber für mehrtägige Konferenzen etwas nervig.

Warum die Induktionsschleife ausstirbt

Eigentlich ist die Induktionsschleife aufgrund ihrer Kompatibilität das ideale Mittel die Barrierefreiheit für Hörgeräteträger herzustellen. Ein großer Teil von Hörgeräten hat nach wie vor eine Telefonspule verbaut und damit theoretisch die Möglichkeit, diese Technologie zu nutzen. Doch leider stirbt die Induktionsschleife nach und nach aus. Warum eigentlich?

  • Auch wenn viele Hörgeräte eine Telefonspule verbaut haben, muß diese erst vom Akustiker aktiviert werden. Das tun die meisten Akustiker aber nur, wenn du danach fragst. Und da muß man als Hörgeräteneuling ja erstmal drauf kommen.
  • Bei ganz modernen Hörgeräten gibt es den Trend, gar keine Telefonspule mehr zu verbauen – oder nur noch ein einem Modell nach dem du als Kunde erstmal fragen mußt. Der Grund dafür ist, daß es mittlerweile andere Technologien gibt, die auch Platz für ihre Antennen im Hörgerät einfordern. Und da die Hersteller gleichzeitig immer noch der Ansicht verfallen sind, daß Hörgeräte möglichst klein sein müssen, verliert hier die Telefonspule manchmal das Rennen und wird nur noch gegen Aufpreis angeboten. Auch hier muß man dann als Hörgerätekäufer erstmal wissen, daß es das überhaupt gibt und sich sicher genug sein, daß man das auch nutzen wird, also daß sich die Investition hier auch lohnt.
  • Auch gibt es leider in Deutschland wenige Orte, wo Induktionsschleifen verbaut sind. Zwar sollten öffentliche Gebäude mit Veranstaltungsanlage mit einer induktiven Höranlage ausgestattet sein, aber das ist in der Praxis eher selten der Fall. Und solange es kein Gesetz gibt, welches das flächendeckend fordert, wird wie so oft nicht von alleine da Geld dafür ausgegeben. Teilhabe ist halt nicht kostenlos.

Fazit

Ich persönlich bin ein großer Fan von Induktionsschleifen und habe in meinen letzten zwei Hörgerätesätzen darauf geachtet, daß sie jeweils Telefonspulen enthalten. Auch wenn es sich um sehr alte Technologie handelt, ist sie bisher unschlagbar. Die oben beschriebenen Vorteile sind einfach klasse. Der Sound ist gut und man ist nicht bei der Wahl des Hörgeräteherstellers eingeschränkt.

Leider gibt es noch keine moderne Technologie, die mit diesen Vorteilen konkurrieren kann. Entweder sind sie herstellerabhängig oder einfach nicht so leicht zu bedienen (z.B. Bluetooth). Bis es hier also eine ernsthafte Konkurrenz gibt, würde ich mich freuen, wenn die Induktionsschleife noch ein paar Fans findet.

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