Warum Musikgenuss mit Hörgeräten eine Herausforderung ist

Hörgeräte sollen schwerhörigen Menschen das Hören wieder ermöglichen. Das sagt ja schon der Name. Leider ist es so, dass unser Gesundheitssystem mit „Hören“ vor allem „Sprache verstehen“ meint, also dass wir wieder mit unseren Mitmenschen kommunizieren können. Das ist sicherlich auch das wichtigere Ziel einer Hörgeräteversorgung. Was aber schade ist, ist dass zum Hören mehr als nur Sprache gehört. Insbesondere gibt es ja da die Musik. Der Verlust diese nicht mehr genießen zu können, kann ebenso schmerzhaft sein wie seine Lieben nicht mehr zu verstehen.

Leider fokussieren Akustiker bei der Hörgeräteversorgung oft nur auf das Sprachverständnis und optimieren nur darauf hin. Oft sind diese Optimierungen eher kontraproduktiv für den Musikgenuss. Als Hörgeräteträger hörst du Musik also nicht besser, sondern oft sehr verzerrt und gefiltert. Das muss nicht so sein, aber es Bedarf Geduld auf deiner Seite und einen fähigen Akustiker auf der anderen um dieses Problem zu lösen. In diesem Artikel erkläre ich, warum Musik mit Hörgeräten oft kein Genuss ist und im nächsten Teil erfahrt ihr dann was man dagegen tun kann.

Woran liegt es dass Musik durch Hörgeräte schlecht klingt? Fangen wir mal ganz vorne an.

Der Hörverlust an sich

Wenn man einen Hörverlust hat, dann sagt das Wort schon, dass da etwas „fehlt“. Schaut man sich ein Audiogramm an, so kann man das gut visualisieren. Es gibt einen Teil den man nicht mehr hört, weil er unter der Hörschwelle liegt und einen der zu unangenehm laut ist. In dem folgenden Bild ist eine typische Altersschwerhörigkeit mit Hochtonverlust zu sehen. Der graue Teil oben rechts in der Ecke ist nicht mehr hörbar. Der andere graue Teil rechts unten ist der Bereich wo Töne schnell als unangenehm laut wahrgenommen werden. Musik findet aber überall statt, also im kompletten Kasten.

Audiogramm einer typischen Altersschwerhörigkeit mit Hochtonverlust. Der obere graue Bereich ist zu leise um gehört zu werden und der untere ist zu laut um als angenehm empfunden zu werden.
Audiogramm einer typischen Altersschwerhörigkeit mit Hochtonverlust. Der obere graue Bereich ist zu leise um gehört zu werden und der untere ist zu laut um als angenehm empfunden zu werden.

Das heißt, das erste Problem mit Musik kommt vom Hörverlust selbst. Uns fehlen einfach ein paar Frequenzen und Lautstärken. Das alleine kann Musik (ganz ohne Hörgeräte) schon nicht mehr so genießbar machen.

Hörgeräte versuchen dann den nicht mehr hörbaren Bereich in den hörbaren zu verschieben, d.h. sie verstärken Töne über die Hörschwelle hinaus. Dabei dürfen sie aber auch nicht zu laut werden, weil sie sonst in den untereren grauen Bereich kommen und dann ist es uns unangenehm. Das ganze ist nicht einfach, weil damit Hörgeraete ständig rauf und runterregeln müssen – je nach dem wie laut das Eingangssignal ist. Und das macht unter Umständen schonmal ein mit Liebe komponiertes Musikstück kaputt. (Genaueres dazu wie Hörgeräte hier arbeiten in meinem Artikel über die Unbehaglichkeitsschwelle).

Die Fokussierung auf Sprache

Wenn man ein Audiogramm betrachtet und dort einträgt, wo Sprache und wo Musik „stattfinden“, dann sieht das ganze so aus.

Die Sprachbanane und wo Musik stattfindet (im ganzen Kasten).
Die Sprachbanane und wo Musik stattfindet (im ganzen Kasten).

Dort wo es gelb ist, findet Sprache statt. Das ganze heißt auch die Sprachbanane und in meinem Artikel zur Sprachbanane könnt ihr dazu noch mehr lesen. Musik hingegen findet „überall“ statt, also füllt den kompletten Kasten aus. Musik klingt toll, wenn sie vieles abdeckt, von einer lauten tiefen Pauke (links unten) bis hin zu einer leisen Triangel (rechts oben).

Hörgeräte werden nun gemeinhin so eingestellt, dass sie sich auf die Töne und Lautstärken in der Banane konzentrieren und alles andere möglichst ausblenden. Bezogen auf Musik, geht hier also einiges verloren.

Filter und andere Hörgeräte-Eigenschaften

Musik klingt gut, wenn die Töne und Lautstärken gut aufeinander abgestimmt sind. Hörgeräte bringen diese feine Abstimmung oft durcheinander, denn sie filtern, komprimieren, verschieben und unterdrücken was das Zeug hält. Das tun sie mit guter Intention, meistens um entweder Sprache hervorzuheben (in dem sie z.B. das nervige Surren einer Lüftung im Hintergrund ausblenden) oder um uns vor unangenehmen Tönen zu schützen (in dem sie z.B. Impulslaute wie eine Türenknallen nicht verstärken). In meinem Artikel über die Eigenschaften von moderen Hörgeräten habe ich eine ganze Reihe solch – an sich willkommener – Eigenschaften moderner Hörgeräte vorgestellt. Zusammenfassend kann man hier sagen, dass moderne Hörgeräte hier „zu klug“ für Musik sind, weil sich ihre Klugheit auf andere Ziele der Hörgeräteversorgung konzentriert.

Bass, Bass, wir brauchen Bass

Wie bereits gesagt, Musik findet in einem weiten Spektrum an Lautstärken und Frequenzen statt. Das beinhaltet auch die tiefen Töne, also den Bass. Hörgeräte sind nicht gut darin Bass wieder zu geben, aus zwei Gründen:

  • Zum einen haben die meisten schwerhörigen Menschen einen Hörverlust der hauptsächlich die hohen Töne betrifft. Das heißt die tiefen Töne hören wir oft noch gut, wenn wir die hohen schon nicht mehr mitkriegen. Das wiederum bedeutet aber, dass Hörgeräte so eingestellt werden, dass sie nur die hohen Töne verstärken und die tiefen nur durch ein Luftloch im Ohrstück auf „natürliche“ Weise in unser Ohr gelangen. (Mehr darüber in meinem Artikel über Ohrstücke) Wenn wir nun also mit unseren Hörgeräten Musik abspielen, z.B. über einen Adapter zu unserem Fernseher oder Mobiltelefon, dann klingt das einfach nicht so gut weil der Bass fehlt.
  • Zum anderen braucht man um bassige Töne zu übertragen einfach eine gewisse Leistung und einen entsprechenden Resonanzkörper. Nicht umsonst kommt der beste Bass von einem dicken Subwoofer der bei uns im Wohnzimmer an der Anlage steht. So ein kleines Hörgerät hat da natürlich Schwierigkeiten mitzuhalten.

Zusammenfassung

Ich hoffe ich habe in diesem Artikel erklären können, warum Musik über Hörgeräte – ohne was dagegen zu tun – oft erstmal nicht so gut klingt.

  • Uns fehlen die Frequenzen und Lautstärken die wir nicht hören. Andere empfinden wir schnell als unangenehm laut.
  • Hörgeräte konzentrieren sich auf den Bereich in dem Sprache stattfindet und blenden alles andere aus.
  • Die kleinen Geräte haben Probleme ordentlichen Bass zu produzieren und meistens ist das fürs Sprachverständnis auch nicht nötig, für den Musikgenuss aber schon.

Das alles ist aber kein Grund zum Verzweifeln. Es gibt einiges was du selbst, aber auch dein Akustiker dafür tun kann, dass du Musik wieder genießen kannst. Dazu gebe ich ein paar Tipps in meinem nächsten Artikel.

4 Gedanken zu „Warum Musikgenuss mit Hörgeräten eine Herausforderung ist

  1. Schöne Zusammenfassung. Mein Tipp: Ein 2. Hörprogramm einstellen.
    Das behebt zwar nur einen Teil (z.B. nicht den fehlenden Bass, aus beschriebenen Gründen), aber dieses Programm kann alle ‚Intelligenten‘ Verzerrungen reduzieren bis ausschalten.
    Weiteres Thema: Musik ist sehr vielfältig, so dass auch das intelligenteste Hörgerät je nach Vorlieben des Entwicklers entweder Metal oder Schlager als Lärm klassifizieren könnte.

  2. Pingback: Besserer Musikgenuss mit Hörgeräten | Doofe Ohren

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