Die Hoffnung am Bluetooth-Himmel

In den letzten Monaten habe ich in der Artikelserie über Verbindungsmöglichkeiten von Hörgeräten schon einige Optionen vorgestellt wie du Hörgeräte mit technischen Geräten verbinden kannst. Ein paar Artikel fehlen noch und die kommen auch noch, insbesondere über FM-Anlagen und mehr über Bluetooth. Allerdings hatte ich schon anklingen lassen, dass alle Optionen momentan mit ein paar Nachteilen kommen und das es noch nicht die eine schöne Lösung für alles gibt.

Das könnte sich bald ändern, denn es gibt eine neue Lösung, die momentan in der Entwicklung ist: Bluetooth Low Energy Audio (auch Bluetooth LE Audio oder BLEA genannt). Dieser Artikel gibt euch einen Überblick welche Probleme diese neue Technologie versucht zu lösen und mit welchen Eigenschaften sie uns in Zukunft beglücken wird.

Die vorherigen Artikel in der Serie zu Verbindungsmöglichkeiten findet ihr hier:

Der Status Quo

Die momentane Landschaft an Technologien um Hörgeräte mit Signalquellen zu verbinden, kommt mit folgenden Problemen.

Bluetooth: Kompatibilität und Stromverbrauch

Für die direkte Verbindung zwischen Hörgeräten und mobilen Endgeräten wie Mobiltelefonen, Tablets und Laptops ist klassisches Bluetooth momentan die populärste Möglichkeit. Allerdings ist klassisches Bluetooth nicht für die Nutzung von Hörgeräten designt. Die großen Hersteller von Mobiltelefonen bzw. deren Betriebssysteme, nämlich Google und Apple, haben hier selbst nachgelegt und eigene Spezifikationen für jeweils ihre Mobiltelefone veröffentlicht (Google’s ASHA und Apple’s Made for Iphone). Diese Protokolle basieren auf dem klassischen Bluetooth, aber sind etwas „aufgebohrt“.

Diese herstellerabhängigen Erweiterungen sind schon kein schlechter Anfang, aber da sie kein offizieller Standard sind, kommen sie mit Nachteilen bezüglich der Kompatibilität. Im Prinzip hast du als Hörgeräteträger keine Garantie, dass deine Hörgeräte auch mit neueren Mobiltelefonen des jeweils anderen Herstellers noch funktionieren, weil es für die Hersteller von Hörgeräten und Mobiltelefonen schwierig ist, alle Kombinationen von Geräten ausgiebig zu testen. Es ist also momentan mehr ein Glücksspiel ob die Verbindung funktioniert oder nicht.

Auch das Problem dass klassisches Bluetooth relativ strom-hungrig ist, wurde mit den Protokollen von Apple und Google nur leicht verbessert. (Siehe Warum wiederaufladbare Hörgeräte (noch?) nicht das Wahre sind).

Induktionsschleifen, FM-Anlagen und Infrarot: Reichweite und Empfänger

Die Technologien Induktionsschleifen, FM-Anlagen und Infrarot-Anlagen werden vor allem für die Situationen verwendet, wo wir als Hörgeräteträger dem Sound einer Veranstaltung lauschen wollen. Das klassische Setup ist eine Veranstaltungsbühne eines Theaters, Kinos, Konzert- oder Konferenzsaales. Der oder die Sprecher werden über eine Soundanlage aufgenommen. Die Anlage speist das Audiosignal weiter über entsprechende Anlagen der jeweiligen Technologie. Wir als Hörgeräteträger müssen dann dafür sorgen, dass wir das Signal in unsere Hörgeräte speisen können. Für Induktionsschleifen brauchen wir eine Telefonspule im Hörgerät verbaut, für FM- und Infrarot-Anlagen entsprechende Empfänger (welche die Veranstaltungsbetreiber normalweise bereit stellen).

All diese Technologien funktionieren auch ganz gut und sind schon sehr lange im Betrieb. Sie kommen allerdings auch mit Problemen. Zum einen gibt es hier nicht die eine „Standardtechnologie“, sondern alle drei versuchen diesen Bereich abzudecken. Zum anderen sind sie alle nicht günstig zu verbauen bzw. zu installieren. Da es sich um Technologien handelt, von denen nur wir Hörgeräteträger profitieren, sind die meisten Veranstaltungsbetreiber nicht sehr motiviert für uns als eine recht kleine Gruppe entsprechend viel Geld auszugeben. Daher sind diese Technologien leider sehr nur selten verfügbar und sie werden auch immer weniger. Heutzutage muss man schon suchen bis man ein Theater mit einer solchen Anlage findet.

Damit einher geht, dass auch die entsprechenden Empfänger aus der Mode kommen. Zum Beispiel werden T-Spulen immer weniger in Hörgeräten verbaut. Wenn du heutzutage ein Hörgerät kaufst, dann musst schon drauf achten, dass du auch eins mit T-Spule bekommst, bzw. du musst deinen Akustiker darum bitten, dass er diese auch entsprechend aktiviert, damit du sie benutzen kannst.

Bluetooth Low Energy Audio

Was ist nun „Bluetooth Low Energy Audio“ und warum hilft es, die beschriebenen Probleme zu lösen? Bluetooth Low Energy Audio ist ein neuer Standard, welcher von der Bluetooth Special Interest Group entwickelt wurde. Die Bluetooth Special Interest Group ist eine große Ansammlung an Firmen, in deren Interesse es steht, die Bluetooth-Technologie zu verbreiten. Unter anderem sind auch Hörgerätehersteller in dieser Gruppe.

Das neue Protokoll ist eine Erweiterung der klassischen Bluetooth-Technologie, welches du vielleicht schon von anderen Geräten wie z.B. normale Bluetooth Headsets (für Hörende) oder Bluetooth Lautsprecher kennst. Das neue Protokoll Bluetooth Low Energy Audio (ab hier BLEA abgekürzt) wurde designt um einige Probleme des klassischen Protokolls, besonders im Bereich von Hörgeräten, zu lösen.

Schauen wir uns an was BLEA genau kann:

  • Der LC3-Codec. BLEA kommt mit einem neuen Codec. Ein Codec ist eine Beschreibung wie ein Strom an Audiodaten komprimiert und wieder dekomprimiert wird wenn er von einem Gerät zum anderen übertragen wird. Dieser neue Codec kann also hochqualitative Audiodaten in relativ kleinen Datenpaketen an z.B. Hörgeräte streamen. Das führt dazu, dass diese Geräte nicht mehr so viel Strom verbrauchen, obwohl die Audioqualität nicht sinkt. Das hilft also bei unserem Problem, dass Hörgeräte die (klassisches) Bluetooth streamen sehr viel Strom verbrauchen.
  • Mehrere Empfänger-Geräte koppeln. Klassisches Bluetooth konnte immer nur eine Quelle (z.B. dein Mobiltelefon) mit einem Bluetooth-Empfänger verbinden. Hörgeräte kommen allerdings meistens in Paaren. Das heisst bisher wurde das Problem gelöst, indem du als Hörgeräte-Träger eines deiner Hörgeräte zum Mobiltelefon verbindest und dann das verbundene Hörgerät den Audio-Stream auch an das andere Hörgerät (über ein herstellerabhängiges Protokoll) weiter sendet. Das klingt nicht nur umständlich, sondern das ist es technisch auch. Zum einen ist die Umsetzung komplizierter, weil nun jeder Hersteller von Hörgeräten (oder auch Bluetooth Headsets) diese Logik erstmal implementieren muss. Zum anderen bedeutet das auch, dass das sendende Hörgeräte sowohl die entsprechende Technik also auch den Strom fürs Senden braucht. Mit BLEA können wir also in Zukunft beide Hörgeräte direkt mit unserem Mobiltelefonverbinden, ohne dass sie solchen Aufwand betreiben müssen.
  • Mehrere Quell-Geräte koppeln. Das Koppeln von mehreren Geräten kommt mit BLEA auch in die andere Richtung. Momentan ist es so, dass du als Hörgeräteträger dich immer entscheiden musst, womit deine Hörgeräte gerade gekoppelt sind. Das heißt zum Beispiel, dass du dich entscheiden musst, ob du gerade ein Video auf deinem Laptop schauen willst oder mit deinem Mobiltelefon ein Telefongespräch annehmen möchtest. Mir passiert es oft, dass ich mit meinem Laptop in einer Videokonferenz auf der Arbeit verbunden bin und dann leider ein wichtiges Telefongespräch auf meinem Mobiltelefon verpasse, weil ich gar nicht höre, dass es geklingelt hat. Mit BLEA gehört auch dieses Problem der Vergangenheit an, denn du wirst damit deine Hörgeräte mit mehreren Geräten gleichzeitig verbinden können.
  • Audio Sharing: BLEA kommt mit einer weiteren, für uns Hörgeräteträger sehr wichtigen Eigenschaft, dem Audio Sharing. Mit BLEA kann ein Quellgerät einen Audiostream mit beliebig vielen Empfängern teilen. Das ist für den Anwendungsfall der Veranstaltungssäle sehr interessant. Diese Technologie könnte in der Zukunft anstatt von Induktionsschleifen, FM-Anlagen und Infrarot-Anlagen in Kinos, Theatern, und allen Veranstaltungssälen Einzug halten. Als Hörgeräteträger müsstest du nun nicht mehr umständlich einen Empfänger ausleihen oder darauf achten, dass dein Hörgerät eine Telefonspule hat, sondern bräuchtest einfach nur noch in das richtige Programm an deinen Hörgeräten schalten.
  • Sicherheit beim Audio Sharing: Im Vergleich zu den „alten“ Technologien, kann BLEA Audio Sharing den Stream auch mit einem „Passwort“ sichern, so dass du dich nur einklinken kannst, wenn du das richtige Passwort hast. Das klingt erstmal umständlicher, aber das kommt tatsächlich mit einigen Vorteilen. Die alten Technologien haben sowas nämlich nicht und ob du dich einklinken konntest oder nicht, hing nur von deiner Position im Raum ab. Nun war es aber so, dass es schwierig war, nebeneinanderliegende Veranstaltungssäle mit solchen Technologien auszustatten. Mit Induktionsschleifen zum Beispiel konnte es passieren, dass du auf einer Konferenz nicht der Präsentation lauschst bei der du im Saal sitzt, sondern aus Versehen der vom Saal nebenan, weil das Signal halt nicht exakt durch Wände getrennt wurde. Mit Passwörtern, die man hier für jeden Saal einzeln vergibt, kannst du als Hörgeräteträger dann sicher sein, dass du auch dem richtigen Stream lauschst.

BLEA und die Hörgeräte-Industrie

Das klingt ja an sich schonmal alles toll, aber warum genau ist das jetzt besonders gut für uns Hörgeräteträger?

  • Beteiligung der Hörgerätehersteller an der Entwicklung. BLEA wurde unter anderem mit Hörgeräteherstellern für Hörgeräte entwickelt. Das klassische Bluetooth wurde damals entwickelt, als noch keiner darüber nachgedacht hat, dass man das auch für Hörgeräte nutzen könnte. Das führte dann zu all den Probleme die ich Eingangs erwähnte. Dieser neue Standard wurde von Anfang an mit Hörgeräten im Sinn entwickelt. Das lässt hoffen, daß es dann bei der Umsetzung in Hörgeräten weniger „Kinderkrankheiten“ gibt.
  • Es ist ein offizieller Standard. BLEA wird ein offizieller Standard und kommt damit mit all den Vorteilen eines Standards. Unter anderem wird dies hoffentlich helfen, die Kompatibilitätsprobleme zwischen Quellgeräten und Hörgeräten zu lösen. In der Zukunft wird es hoffentlich so sein, dass du beim Kauf eines Hörgerätes nicht mehr darüber nachdenken mußt, ob es nun mit Google oder mit Apple-Telefonen funktioniert. Wenn das Hörgerät BLEA unterstützt, sollte es mit allen Quellgeräten funktionieren, die ihrerseits das BLEA Protokoll implementieren. Das heißt z.B. auch, dass du in Zukunft auch beliebig zwischen Mobiltelefonherstellern wechseln kannst, ohne Angst haben zu müssen, dass das neue Telefon mit deinen Hörgeräten nicht funktioniert.
  • Audio Sharing als Ersatz für alte Veranstaltungstechnologien. Wie beschrieben haben die „alten“ Technologien für Veranstaltungsaudio ja so einige Probleme und haben allgemein keine große Reichweite. Mit BLEA kommt nun etwas auf den Markt, welches all diese Technologien durch eine einzige ersetzen kann. Nicht nur löst es einige technische Probleme der alten Technologien (z.B. das mit dem Passwort), sondern könnte auch weiter verbreitet werden, welches mich zum nächsten Punkt bring.
  • Designt für alle, aber auch für Hörgeräte. Viele Aspekte von BLEA kommen uns Hörgeareteträgern entgegen, aber Hörgeräteträger sind nicht die einzigen Nutzer dieser Technologien. Alle Nutzer von BLEA Headsets oder Lautsprechern haben was davon, wenn das koppeln einfacher und flexibler wird, und die Geräte weniger Strom verbrauchen. In diesem Zusammenhang ist vor allem das Audio Sharing interessant. Es ist z.B. auch dafür gedacht, dass Kinos Filme gleichzeitig in verschiedenen Sprachen ausstrahlen können und sich jeder Kinobesucher die Sprache aussuchen kann, in der er den Film sehen will – in dem er ein BLEA-kompatibles Bluetooth Headset nutzt. Wenn nun Kinos sowieso diese Technologie für Hörende einbauen, dann ist die Chance groß, dass sie sich weiter verbreitet, als wenn wir Hörgeräteträger die einzigen Nutzer wären. Sobald eine Technologie als Zielgruppe alle Menschen hat und nicht nur die relativ kleine Gruppe der Hörgeräte-Träger, so steigen die Chancen, dass die Anbieter diese bereitstellen. Es wird einen Unterschied machen, ob ein Kino eine Hand voll Hörgeräteträger glücklich macht, oder sein neues Soundsystem als Multisprachen-Feature für alle anpreisen kann. So traurig das ist, ist es anscheinend der einzige Weg (von gesetzlichen Vorgaben abgesehen) wie man Assistive Technologien im kommerziellen Markt unterbringen kann.

Der Stand der Dinge

Nun fragst du dich vielleicht, wann du denn das alles hier endlich nutzen kannst. Ja, das geht leider noch nicht so schnell – Geduld, Geduld.

Die Spezifikation von BLEA wurde Ende 2020 veröffentlicht. Momentan kann man sich schon die technischen Spezifikationen z.B. für den LC3 Code auf bluetooth.com herunterladen. Das heißt seitdem können sowohl Hersteller von Quellgeräten (z.B. Mobiltelefonen, Laptops und Tablets) als auch Hersteller von Empfängergeräten (z.B. Headsets und Lautsprecher), also auch die Hörgerätehersteller diese lesen und in zukünftige Produktentwicklungen einfließen lassen.

Bis es dann zu den ersten kompatiblen Geräten auf dem Markt kommt, wird es aber noch etwas dauern. Gerade bei Hörgeräten ist das nicht so einfach, denn als medizinische Geräte haben sie besonders lange Vorlaufzeiten, da sie sehr viel Qualitätssicherung betreiben (müssen).

Dazu kommt noch, dass wir Hörgeräteträger (in Deutschland zumindest) ja nur alle 6 Jahre neue Hörgeräte bekommen. Das heißt es wird auch noch eine Weile dauern, bis es genug Hörgeräteträger mit BLEA Technologie gibt, so dass es sich für Betreiber lohnt von alten Technologien auf BLEA umzusteigen. Auch wenn ich persönlich mich schon sehr auf die Zeit freue, befürchte ich, dass wir noch ein paar Jahre warten müssen.

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