Liebe Hörgeräte-Hersteller: Redet miteinander!

Die Sehnsucht nach Kompatibilität

Seit Herbst 2021 schreibe ich als freie Autorin für die Audio Infos. Dieser Artikel ist ursprünglich in der Audio Infos Ausgabe Februar 2022 unter dem Titel „Redet miteinander!“. Audio Infos ist die Fachzeitschrift für Akustiker*innen, https://www.audio-infos.de/.

Als ich 2019 neue Hörgeräte kaufte, wählte ich Geräte des gleichen Herstellers wie meine vorherigen. Dennoch konnte ich meine alten Accessoires entsorgen. Ich brauchte einen neuen TV-Connector und ein neues Tischmikrofon. Ich konnte mein heissgeliebtes DECT Telefon nicht mehr nutzen. Den Bluetooth-Adapter brauchte ich nicht mehr. 

Meinem Freund Richard ist neulich etwas blödes passiert. Er hat eins seiner drei Jahre alten Hörgeräte verloren. Es nicht einfach durch das gleiche Modell ersetzt werden, denn das war nicht mehr lieferbar. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ein anderes Modell zu nehmen. Nun ist sein linkes Hörgerät inkompatibel zum rechten. Es gibt kein gemeinsames Hörgerät-zu-Hörgeräte-Protokoll – trotz gleichem Hersteller. Das schließt für ihn nun viele Features aus: gleichzeitiges Umstellen der Programme, gutes räumliches Hören, und Autofokus. 

Mein Freund Sahid hat vor ein paar Jahren ein Cochlea Implantat für sein rechtes Ohr bekommen. Sein linkes Ohr ist noch relativ gut mit einem normalen Hörgerät versorgbar. Nun ist er hybrid unterwegs: links Hörgeräte, rechts Cochlea-Implantat. Leider reden auch diese beiden Hörsysteme nicht miteinander, denn sie sind von verschiedenen Herstellern. Sahid vermisst nun auch die Vorzüge von Hörsystem-zu-Hörsystem-Protokollen.

Meine Freundin Lucy ist Hörgeräte-Trägerin und als Unternehmensberaterin viel unterwegs. Neulich ist sie für eine Woche auf Dienstreise ins ländliche Texas geflogen. Als sie aus dem Flugzeug stieg, fiel ihr ein, dass sie die Ladestation ihrer Akku-Hörgeräte zuhause vergessen hatte. Am Einsatzort gab es nur eine Drogerie und eine Filiale eines Akustikers, der eine in Deutschland unbekannte Marke vertrieb. Deren Ladeschalen waren nicht kompatibel zu ihren Hörgeräten. Die Drogerie hätte zwar Hörgeräte-Batterien gehabt, aber keine Ladeschalen. Nach zwei verzweifelten Tagen ließ sich beim lokalen Akustiker auf eigene Kosten Leihgeräte anpassen mit denen sie die restlichen Tage ihrer Dienstreise mehr schlecht als recht überbrückte. 

Alle diese Probleme von Hörgeräteträgern haben mit Schnittstellen zu tun. Laut der Wikipedia ist eine Schnittstelle der Teil eines Systems, welches der Kommunikation dient. In den Beispielen hier handelt es sich um die Kommunikation zwischen Hörsystemen und Accessoires, und zwischen linkem und rechtem Hörsystem. Die hier beschriebenen Probleme von mir und meinen Freunden wären allesamt lösbar mit Standards für diese Schnittstellen, die Kompatibilität zwischen Geräten innerhalb und über Hersteller hinweg ermöglichen würde.

Als Kunde gibt es nur einen Grund, den ich akzeptiere, wenn ich meine alte Hardware entsorgen muss, wenn ich mir ein neues Hörgerät kaufe: technischer Fortschritt. Ich weine meinem alten Bluetooth-Adapter nicht hinterher, wenn meine neuen Geräte Bluetooth ohne Adapter können. Ich freue schon auf Bluetooth LE Audio (siehe auch Die Hoffnung am Bluetooth-Himmel), wenn ich dann gar keinen Fernseh-Adapter mehr brauche, weil mein Hörgerät und mein Fernseher direkt miteinander reden können.

Alle anderen Gründe für den Mangel an Schnittstellen und Standards sind für uns Kunden unbefriedigend. Oft sind die resultierenden Probleme nur durch Mehrausgaben zu lösen. Schlimmstenfalls aber gibt es nicht einmal eine finanzielle Lösung und wir müssen auf liebgewonnene Features und gut angepasste Technologie schmerzhaft verzichten.

Aus der Sicht der Produktentwicklung kann ich es verstehen, dass Schnittstellen und Standardisierungen lange auf sich warten lassen. Ich selbst arbeite als Software-Entwicklerin in der Produktentwicklung. Schnittstellen zu entwickeln heißt miteinander zu reden und sehr sorgfältig zu designen. Es ist schon schwierig verschiedene Teams in einer Firma an einen Tisch zu kriegen – geschweige denn die Produktentwickler verschiedener, konkurrierender Konzerne. Auch erschweren standardisierte Schnittstellen die Innovation, weil man nicht einfach neue Dinge hinzufügen kann wie man will, sondern sie erst sauber in die nächste Generation der Schnittstelle designen muss. Da wiederum erfordert, dass man wieder mit seinen Partnern redet und damit gegebenenfalls seine innovativen Ideen der Konkurrenz preisgibt. 

Auch die Computer- und Consumer-Hardwarebranche, die ich hier gerne zum Vergleich heranziehe, ist kein glorreiches Gegenbeispiel. Es hat Jahrzehnte gebraucht bis diese Industrie das Bluetooth-Protokoll entwickelt hat, bei dem mittlerweile Dutzende Entwicklungspartner involviert sind. Auch erinnern wir uns, dass früher jedes Mobiltelefon seinen eigenen Netzteilanschluss hatte und erst eine EU-Richtlinie die Hersteller hier zu einem kundenfreundlichen Standard (USB) überzeugen musste.

Ich verstehe bei dieser Problematik beide Seiten der Medaille, aber als Kundin würde ich mich wirklich freuen, wenn ihr, die Player in der Hörgeräte-Branche mehr miteinander reden würdet. Ich möchte eure Hardware kaufen, weil ich Fan eurer tollen Hardware bin und nicht weil ihr mich zwingt den dritten TV-Connector mit exakt der gleichen Funktion wie die Vorgänger zu kaufen.

4 Gedanken zu „Liebe Hörgeräte-Hersteller: Redet miteinander!

  1. Sie schreiben von Inkompatibilitäten. Da draußen gibt es, wie mich, jedoch jede Menge Träger von Standard 08/15 Hörgeräten. Hörgeräte, die wie meine, ca. 3-4 Jahre alt sind. Zu einer Zeit angeschafft wurden, da man froh war, das es 3 Programme gibt. Die man an jedem Gerät separat umschalten muss.
    Sie beschweren sich jetzt darüber, dass rechts und links getrennt gesteuert werden muss.
    Sind das nicht Luxuxprobleme? Ehrlich!
    Ich habe damals zu jedem Gerät meine 700€ Zuzahlung geleistet! Bluetooth? Fehlanzeige?
    Meines Erachtens wäre es wichtig, dass die Krankenkassen auch die Patienten mit einigermaßen „State of the Art“ Geräten versorgen. Es würde Not tun, dass Hörgeräteakustiker nicht versuchen Ihren alten Schmonz an die Bevölkerung zu bringen, damit die Lager geräumt werden.
    Immer und immer wieder liest man in Foren und in social Media Gruppen davon, dass „Neulinge“ über den Tisch gezogen werden.
    Lobby, es muss eine vernünftige Lobby geschaffen werden.
    Hören ist Leben!
    Hören können heißt mitreden können.
    Das darf kein Luxus sein!
    Bitte nicht als Angriff nehmen! So ist es nicht gemeint!
    P.S. Wikipedia als Quellle zu zitieren ist nicht professionell 😉

  2. Angesichts dessen, dass ich auf der Seite der Kunden und nicht der Akustiker bin, nehme ich das natuerlich nicht als Angriff. Ich stimme Ihnen vollkommen zu, dass die von der Kasse abgedeckten Geraete keinesfalls genug sind fuer einen Alltag in dieser modernen, hochtechnisierten Welt. Dazu werde ich bestimmt auch nochmal einen Artikel schreiben, aber es war halt nicht der Punkt dieses Artikels.

  3. Hallo Helga,
    bin heute zufällig auf ihrer Webseite gelandet.
    Ich kann als Hörgeräteträger (seit 1991) ihren Wunsch nach Kompatibilität nur unterstützen.
    Mit der Einführung von Bluetooth in neuere HGs wird zumindest der Audio-Transfer mit anderen elektronischen Medien nach und nach erleichtert.
    Auch das Selbst-Programmieren der Hörgeräte (mache ich seit ca. 15 Jahren) wird seit Bluetooth einfacher.

    So wie schleppend auch Smartphones den selben Ladestecker erhalten (leider viel zu langsam), sollte es für Hörgeräte / Cochlea ebenfalls Kompatibilität geben.

    Kompliment für die Informative Page.

    LG,
    Ralf

    • Hallo!
      Schoen dass du meine Seite gefunden hast. Das mit dem Selbst-Programmieren kenne ich und tue ich auch, aber leider gibt es da ja noch nicht eine grosse Community. Was fuer eine Schnittstelle benutzt du zum programmieren?
      Schoene Gruesse,
      Helga

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