Kopfhörer und Hörgeräte

In unserer heutigen Welt ist es für viele Menschen normal, mehr oder weniger ständig Kopfhörer zu tragen. Wir sitzen in der Bahn oder im Büro und hören Radio oder Musik. Wir spazieren durch den Park zu einem guten Hörbuch oder einem Podcast auf den Ohren. Während es also für Hörende üblich ist, Kopfhörer zu tragen ist die Frage wie machen Hörgeräte-Träger das? Kann man Hörgeräte und Kopfhörer gleichzeitig benutzen? Wenn ja, wie?

Die kurze Antwort lautet: nein, Hörgeräte und Kopfhörer gleichzeitig zu benutzen ist nur begrenzt möglich und generell nicht zu empfehlen. In diesem Artikel gehe ich näher darauf ein – aufgeschlüsselt nach Art der Kopfhörer. Ich lasse euch hier aber nicht im Regen stehen. Am Ende zeige ich euch, was man stattdessen machen kann wenn man Hörgeräte trägt und aus einem Gerät Ton (Musik etc.) konsumieren möchte.

Arten von Kopfhörern

Für die relevanten Aspekte dieses Artikels unterscheide ich drei Arten von Kopfhörern:

  • Ohrenstöpsel, In-Ear-Kopfhörer oder Ear-Buds. Das sind die Art von Kopfhörer, wo man sich kleine Ohrenstöpsel mehr oder weniger in den Gehörgang steckt.
  • Am-Ohr-Kopfhörer. Hiermit meine ich Kopfhörer, die mehr oder weniger „flache“ Lautsprecher haben, die auf die Ohrmuschel gesetzt werden. Diese sind aber so klein, dass sie nicht das ganze Ohr umschließen.
  • Überm-Ohr-Kopfhörer. Das sind Kopfhörer mit Lautsprechern, die in großen Muscheln kommen und normalerweise das komplette Ohr, inklusive der Ohrmuschel, umschließen. Man nennt sie auch „Mickey-Mäuse“.
  • Knochenleitungskopfhörer. Das sind Kopfhörer, die den Schall nicht durch Lautsprecher in die Ohrmuschel leiten, sondern vorm oder hinterm Ohr angelegt werden und den Ton über den Schädelknochen leiten.

Bei alle diesen Arten von Kopfhörern spielt es erstmal keine Rolle ob sie mit dem jeweiligen Abspielgerät mit einem Kabel verbunden sind oder der Sound durch kabellose Technologien übertragen wird. Aber auch dazu noch ein paar Worte am Schluss.

Ohrenstöpsel

Fangen wir mit den kleinsten Kopfhörern, den Ohrenstöpseln an (Beispiel Produkt). Warum funktionieren die nicht zusammen mit Kopfhörern? Das geht einfach nicht, weil man Ohrenstöpsel in den Gehörgang steckt und dort sind ja bei Hörgeräte-Trägern schon die Hörgeräte. Der Gehörgang ist quasi schon „besetzt“. Es geht also ganz einfach mechanisch nicht.

Ein Ohr mit einem Hinterm-Ohr-Hörgerät und daneben ein In-Ear-Kopfhörer
In-Ear-Kopfhörer passen nicht in Ohren in denen schon Hörgeräte sind

Für Menschen mit nur leichtem Hörverlust kann es eine Alternative sein, beim Musikhörern die Kopfhörer statt Hörgeräten zu tragen, z. B. wenn man Musik hören will. Das ist natürlich möglich, aber nicht der Sinn der Sache, denn dann hat man nicht die Vorteile die einem die hoffentlich gut angepassten Hörgeräte bringen. Der Musikgenuss wird dann ohne die Frequenzen auskommen müssen, die das Hörgerät sonst verstärkt hätte. Das Problem kann man ein wenig versuchen zu beheben in dem man am Abspielgerät mit einem Equalizer (einer Art digitalem Mischpult) rumspielt und damit versucht die Frequenzen lauter zu machen, die man nicht so gut hört (z.B. bei vielen Schwerhörigen die hohen Töne). Das kann je nach Hörverlust und Musik einigermaßen funktionieren, aber ist mit Vorsicht zu genießen. Zum einen besteht hier die Gefahr, dass man die Musik zu laut macht und damit das Ohr noch mehr schädigt (siehe hierzu auch Warum eigentlich Hörgeräte? über die Spirale des Hörverlustes). Zum anderen ist so ein Hörgerät genau genommen der hochwertigere und besser auf dich angepasstere „Kopfhörer“ und auf diese Weise nutzt du das gar nicht.

Am-Ohr-Kopfhörer

Das sind Kopfhörer, die man nicht in den Gehörgang steckt, sondern die flache Lautsprecher haben, die man mit Hilfe eines Bügels auf die Ohren setzt (ein Beispiel hier).

Rein mechanisch betrachtet, kann man diese Kopfhörer gleichzeitig mit Hörgeräten tragen. Egal ob du Im-Ohr- oder Hinterm-Ohr-Hörgeräte trägst (siehe Bauformen von Hörgeräten), da die Kopfhörer weder hinterm Ohr noch im Ohr sind, stören sie sich gegenseitig nicht. Meistens zumindest nicht, denn wenn du so viel um/im/am Ohr trägst, kann es trotzdem hier und da zu Druckstellen und Hautirritationen kommen.

Der Einfachheit halber gehen wir für für den Rest dieses Artikels davon aus, dass das Tragen an sich kein Problem ist. Allerdings kannst du sie nur effektiv nutzen, wenn du Im-Ohr-Hörgeräte trägst. In dem Fall kommt die Musik aus deinen Kopfhörern, gelangt in den Gehörgang wo dein Hörgerät sitzt. Dort wird sie vom Mikrophon deines Hörgerätes aufgenommen und durch den Lautsprecher des Hörgerätes weiter in den Gehörgang zum Trommelfell geleitet. Das geht also ganz gut.

Schematische Darstellung: Ein Ohr mit On-Ear-Kopfhörern und In-Ear-Hörgeräten
Der Ton gelangt aus den On-Ear-Kopfhörern in den Gehörgang, von da in über die Mikrofone der In-Ear-Hörgeräte über die Lautsprecher der Hörgeräte zum Trommelfell

Bei Hinter-dem-Ohr-Hörgeräten sieht das ganze allerdings eher schlecht aus. Bei dieser Art von Hörgeräten sind die Mikrophone am Gerät selbst hinter den Ohren angebracht. Wenn du nun Kopfhörer auf die Ohrmuschel setzt und Musik abspielst, dann gelangt diese in den Gehörgang, wo aber keine Mikrophone sind, sondern nur das Ohrstück des Hörgerätes. Die Musik gelangt – unverstärkt – durch das Ohrstück in den Gehörgang zum Trommelfell. Da sie nicht durch das Hörgerät verstärkt wurde, fehlen dir zum einen die Frequenzen die das Hörgerät ausgleichen soll und zum anderen steckt auch noch das Ohrstück „im Weg“ und verschluckt auch noch mal ein Teil des Schalls. Zu allem Überfluss zeigen die Mikrophone deines Hörgerätes auch noch nach „draußen“ und nehmen weiterhin die Geräusche deiner Umgebung war und verstärken diese in deinen Gehörgang.

Schematische Darstellung: Ein Ohr mit On-Ear-Kopfhörer mit Hinterm-Ohr-Hörgeräten
Der Ton gelangt von den On-Ear-Kopfhörern in den Gehörgang durch/vorbei am Ohrstück des Hörgerätes zum Trommelfell. Die Mikrofone des Hinterm-Ohr-Hörgerät werden nicht erreicht und damit der Ton aus den Kopfhörern nicht verstärkt – dafür aber der Lärm aus der Umgebung.

Das Hörgerät ist in diesem Setup also keine Hilfe und du wärst noch besser dran, wenn du es zum Musikhören ganz weglässt und nur die Kopfhörer trägst (und z.B. wie bei den Am-Ohr-Kopfhörern mit einem Equalizer rumspielst – allerdings mit den gleichen Nachteilen).

Diese Art von Kopfhörer sind also nur nutzbar mit In-Ohr-Hörgeräten. Ist das ein Grund sich vielleicht eher für Im-Ohr-Hörgeräte als für Hinterm-Ohr-Hörgeräte zu entscheiden? Ich persönlich würde davon abraten. In-Ohr-Hörgeräte kommen mit einigen Nachteilen, die es meiner Meinung nach nicht ausgleichen, das man dafür Kopfhörer nutzen kann. Im Detail gehe ich auf die Vor- und Nachteile von Im-Ohr-Hörgeräten in Bauformen von Hörgeräten ein. Stattdessen empfehle ich am Ende diese Artikels andere Lösungen.

Überm-Ohr-Kopfhörer

Diese Art von Kopfhörern kommen mit großen Lautsprechermuscheln, die deine Ohren – inklusive der Hörgeräte – komplett umschließen. Wegen ihrer Größe nennt man sie auch Mickey-Mäuse. (Beispiel hier).

Diese Kopfhörer kann man mit allen Bauformen von Hörgeräten tragen, sowohl mit Hinterm-Ohr- als auch Im-Ohr-Geräten – solange die Ohrmuscheln groß genug sind, dass sie das Ohr inklusive der Hörgeräte großzügig abdecken. Idealerweise sollten sie also keinen Druck auf deine Ohren oder deine Hörgeräte ausüben, sondern rund um das Ohr direkt an deinem Schädel anliegen. Je grösser und weicher die Lautsprechermuscheln sind, desto besser geht das.

Schematische Darstellung: Ein Ohr mit Over-Ear-Kopfhörern und In-Ear-Hörgeräten
Der Ton gelangt aus den Over-Ear-Kopfhörern in den Gehörgang an die Mikrofone des In-Ear-Hörgerätes. Von da wird er verstärkt aus den Lautsprechern des Hörgerätes ans Trommelfell geleitet.

Wenn du nun über die Kopfhörer Musik abspielst, dann gelangt diese an die Mikrophone deiner Hörgeräte. Beim Im-Ohr-Hörgerät in deinem Gehörgang, beim Hinterm-Ohr-Gerät an die Mikrophone hinterm Ohr – dank der Größe der Lautsprechermuscheln. Die Hörgeräte verstärken dann die Frequenzen die du wegen deinen Hörverlust verstärkt brauchst und leiten den Ton über ihre Hörgeräte-Lautsprecher in den Gehörgang wo sie dann auf dein Trommelfell treffen.

Schematische Darstellung: Ein Ohr mit Over-Ear-Kopfhörern und Hinterm-Ohr-Hörgerät
Der Ton gelangt von den Over-Ear-Kopfhörern in die Mikrofone des Hinterm-Ohr-Hörgerätes. Im Ohrstück wird der verstärkte Ton aus den Lautsprechern des Hörgerätes in den Gehörgang zum Trommelfell geleitet.

Das klingt erstmal ganz gut. Was ist nun das Problem hier? Zum einen kommt es hier meiner Erfahrung nach eher zu mechanischem Druck auf die Hörgeräte und Ohren, weil du versuchst mehr unter die Lautsprechermuscheln zu quetschen als hörende Menschen ohne Hörgeräte das tun. Das kann dazu führen, dass das ganze auf Dauer unbequem wird und schlimmstenfalls zu Druckstellen und Hautirritationen führt.

Ein weiteres Problem ist, dass es bei diesem Setup schneller zu Rückkopplungen kommen. In Warum fiept mein Hörgerät? bin ich auf diese Problematik im Detail eingegangen. Bei Rückkopplungen nimmt das Hörgerät seinen eigenen Ton wieder über seine Mikrophone auf und verstärkt ihn in einer Endlosschleife. Das führt zu einem nervigen Fiepen. Da unter so einer Lautsprechermuschel wenig Platz ist, geschehen Rückkopplungen besonders häufig. Der Ton hat hier kaum Raum woanders hin auszuweichen und trifft daher besonders häufig wieder auf die Mikrophone der Hörgeräte.

Auch hier wollen moderne Hörgeräte helfen, aber das geht nach hinten los. Hörgeräte können Rückkopplungen erkennen und dagegen ansteuern. Das tun sie, in dem sie temporär die Frequenzen, die die Rückkopplung auslösen, nicht mehr verstärken. Dann ist die Endlosschleife (normalerweise) unterbrochen und das Problem gelöst. Da du die Kopfhörer aber länger trägst, wird in kurzer Zeit das gleiche wieder passieren und die Frequenzen wieder runtergeregelt werden. Das führt dazu, dass sie dauerhaft nicht mehr verstärkt werden. Da es aber Frequenzen sind, die du zum Ausgleich deines Hörverlustes brauchst, ist eher eher kontraproduktiv, wenn dein Hörgerät sie gar nicht mehr verstärkt.

Knochenleitungskopfhörer

Zum Thema Knochenleitungskopfhörer habe ich bereits vor einiger Zeit einen Artikel geschrieben: Hören auf zweierlei Weise. Jedoch gehen wir nun der Frage nach: kann man normale Hörgeräte und Knochenleitungskopfhörer gleichzeitig tragen?

Die Antwort hier lautet: je nach Modell an Kopfhörern und Hörgeräten ja, aber alles kommt mit Nachteilen. Zum einen muss das mechanisch erstmal passen. Knochenleitungskopfhörern gibt es in mehreren Formen (Beispiel hier). Bei manchen ist der Druckpunkt am Knochen vor dem Ohr, bei anderen dahinter. Bei Hinterm-Ohr-Geräten kann das schon allein mechanisch eng werden. Im-Ohr-Hörgeräte und Knochenleitungskopfhörer sollten da besser gleichzeitig anzulegen sein.

Ein Mensch mit Hinterm-Ohr-Hörgeräten und Knochenleitungskopfhörern
Ein Mensch mit Hinterm-Ohr-Hörgeräten und Knochenleitungskopfhörern. Hier kann es hinter dem Ohr schon eng werden.

Das Problem ist aber in den meisten Fällen das folgende. Knochenleitungskopfhoerer leiten den Ton über den Schädelknochen in dein Innenohr – also komplett am Hörgerät vorbei. Nichts von dem Schall den der Kopfhörer abgibt wird also mit deinem Hörgerät verstärkt. Wenn du allerdings, wie die meisten Schwerhörigen, eine Innenohrschwerhörigkeit hast, dann betrifft diese auch die Schallwellen die nicht durch dein Ohr, sondern über den Knochen in dein Innenohr gelangen. Du hast also das gleiche Problem wie oben, dass du die fehlenden Frequenzen mit einem Equalizer ausgleichen müsstest. Dazu kommt noch, dass gleichzeitig dein Hörgerät zusätzlich die Umgebungsgeräusche in dein Ohr leitet und damit die Musik überlagert.

Solltest du aber zu den Schwerhörigen gehören, deren Hörverlust vor dem Innenohr stattfindet und das Innenohr selbst gesund ist, dann müsstest du über die Knochenleitungskopfhoerer die Musik vollkommen hören können. Allerdings stellt sich in diesem Fall die Frage ob du statt mit normalen Hörgeräten nicht eher mit Knochenleitungshörgeräten versorgt werden solltest. Details dazu im Artikel Hören auf zweierlei Weise.

Was kann man stattdessen tun?

Ihr seht, das mit den Kopfhörern in Kombination mit Hörgeräten ist alles nicht so das Wahre. Was soll man denn stattdessen machen? Gibt es überhaupt eine Lösung? Die Antwort lautet: glücklicherweise ja.

Das Problem ist ja im wesentlichen dass man den Schall des Abspielgerätes möglichst direkt ins Hörgerät leiten möchte. Das schafft man am besten, in dem man dafür Adapter oder Technologien benutzt, die Moderene Hörgeräte-Hersteller heutzutage anbieten. In den meisten Fällen sind das kleine extra Geräte, auch Adapter oder euphemistisch „Accessoires“ genannt, die man zusätzlich zu den Hörgeräten nah am Körper trägt. Das sind kleine Kästchen, die man sich um den Hals hängt oder mit einem Clip an die Kleidung anheftet. Diese Geräte verbindest du dann sowohl mit dem Abspielgeräte (über Kabel oder kabellos) und deinen Hörgeräten (meistens kabellos) und so wird der Ton den du abspielst direkt in die Hörgeräte geleitet. Zusätzlich werden in den Fällen meist die Mikrophone der Hörgeräte gedämpft, so dass du keinen oder nur wenig Umgebungsgeräusche verstärkt bekommst.

Neben separaten Adaptern unterstützen einige wenige moderne High-End-Hörgeräte auch Bluetooth, eine Übertragungstechnologie mit der man die Hörgeräte direkt und kabellos mit einem Bluetooth-fähigen Gerät (z.B. moderne Mobiltelefone oder Laptops) verbinden kann.

Leider werden weder diese Adapter, noch der Aufpreis von Bluetooth-Hörgeräten von den Krankenkassen bezahlt. Je nach Modell kann dieser Aufpreis auch höher sein als was handelsübliche Kopfhörer kosten. Allerdings lohnt sich das. Du wirst Musik und andere Audiosignale hören können mit der Verstärkung die du für deinen Hörverlust brauchst und ohne irgendwelche Probleme weil du versuchst mehrere Geräte gleichzeitig am, um oder im Ohr zu tragen.

Zusammenfassung

Grundsätzlich kann man sagen, dass es in den meisten Fällen nicht oder nicht gut funktioniert Hörgeräte und Kopfhörer gleichzeitig zu tragen. Entweder wird der Ton nicht verstärkt, es gibt Rückkopplungen oder Druckstellen am Ohr. Die bessere Lösung sind Adapter und Technologien die Hörgerätehersteller anbieten um Hörgeräte direkt mit dem Abspielgerät zu verbinden. Die Investition lohnt sich.

Darüber hinaus gibt es übrigens noch spezielle Tipps, wenn ihr auf diese Weise Musik (und nicht nur gesprochenes wie Podcasts) hören wollt. Lest dazu meinen Artikel Besserer Musikgenuss mit Hörgeräten.

2 Gedanken zu „Kopfhörer und Hörgeräte

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