Warum Hörgeräte miteinander reden

Moderne Hörgeräte nehmen nicht nur den Schall aus unserer Umgebung auf und pusten ihn verfeinert in unsere Ohren. Sie kommunizieren dabei auch untereinander. Um es klar zu stellen: die beiden Hörgeräte eines Menschen kommunizieren miteinander, nicht die Hörgeräte von beliebigen Menschen. Wobei es für letzteres vielleicht auch ein paar interessante Anwendungen gibt.

In diesem Artikel schauen wir uns genauer an, welche Vorteile wir durch diese Ohr-zu-Ohr-Kommunikation haben.

Die Kommunikation zwischen zwei Hörgeräten wird von den Herstellern oft mit so klangvollen Begriffen wie „e2e“, also „ear to ear“ bezeichnet, was auf Deutsch einfach nur „Ohr-zu-Ohr“ heißt. Diese Ohr-zu-Ohr Kommunikation funktioniert per Funk. Das heißt jedes Hörgerät hat einen kleinen Sender und Empfänger für dieses Funkprotokoll.

Leider ist das Protokoll kein offener Standard. Das heißt, dass jeder Hörgerätehersteller hier sein eigenes Süppchen kocht. Für uns Kunden bedeutet das, dass diese Ohr-zu-Ohr Kommunikation nur zwischen den Modellen eines Herstellers funktioniert und nicht zwischen denen verschiedener Hersteller. Das heißt zum Beispiel, dass wenn man ein Hörgerät verliert und sich stattdessen ein neues eines anderen Herstellers kauft, also dann zwei Hörgeräte verschiedener Hersteller trägt, dass man auf die folgenden Vorteile verzichten muss.

Der ein oder andere möge sich nun fragen „Warum benutzten die nicht einfach Bluetooth?“ Bluetooth ist in der Tat eine naheliegende Option, denn dieser offene Standard wurde entwickelt um die Kommunikation zwischen technischen Geräten über kurze Strecken zu ermöglichen. Zum einen wäre das natürlich ein offener Standard und die Hersteller würden sich vermutlich ins Hemd machen, wenn es damit für uns Kunden einfacher würde, verschiedene Hörgeräte verschiedener Hersteller zu kombinieren. Das ist aber eigentlich gar nicht der Hauptgrund. Bluetooth ist schlicht und einfach nicht geeignet, weil das Bluetooth Signal zu schwach ist um durch unsere „Dickschädel“ von einem Ohr zum anderen zu kommen. Allein deswegen musste die Hörgeräteindustrie schon kreativ werden.

Welche Funktionen bietet uns denn nun die Ohr-zu-Ohr Kommunikation?

Steuersignale

Der erste Grund ist ein ganz pragmatischer. Über das Ohr-zu-Ohr-Protokoll verschicken Hörgeräte Steuersignale die sie empfangen an ihren Partner. Ein Beispiel dafür ist der Programmschalter, den viele Hörgeräte haben. Diesen können wir Schwerhörige nutzen um das Hörgerät von einem Programm in ein anderes zu schalten. In dem Moment wo wir das tun, sendet das Hörgerät die Schaltungsinformation an das andere und dieses stellt sich auch auf das neue Programm um. Wenn es das nicht täte, müssten wir das bei jedem Hörgerät von Hand machen und es wäre damit viel schwerer die beiden Hörgeräte konsistent im gleichen Programm zu halten.

Richtungshören

Wie ich in Der Cocktailparty-Effekt schon einmal andeutete, helfen mehrere Mikrophone beim Richtungshören. Hörende Menschen haben Richtungshören durch die Ohrmuschel. Die ist nämlich so seltsam geformt, damit der Schall in unterschiedlichen Winkeln gebrochen wird und unser Gehirn dadurch die Richtung des Tons erkennen kann. Hörgeräte, speziell Hinter-dem-Ohr-Geräte, nutzen die Ohrmuschel allerdings gar nicht. Sie umgehen sie sogar, weil die Mikrophone hinten am Gerät sind und damit den Schall aufnehmen bevor er die Ohrmuschel erreicht. Damit fällt ein wichtiger Teil des Richtungshörens weg. Hörgerätehersteller haben sich hier allerlei Dinge ausgedacht um diesen Nachteil auszugleichen. Einer davon ist, dass man die Signale der beiden Mikrophone der Hörgeräte (manchmal sind es sogar zwei pro Hörgerät) miteinander vergleicht. Was heißt das genau?

Bessere Verständlichkeit

In manchen Situationen, wo der Ton eigentlich nur in ein Hörgeräte geleitet wird, können Hörgeräte mit Ohr-zu-Ohr-Kommunikation diesen Ton auch an das andere Hörgerät schicken. Das ist besonders praktisch beim Telefonieren. Wenn ein Hörgerät dafür benutzt wird ein Telefongespräch anzunehmen (zum Beispiel über Bluetooth oder – etwas altmodischer – mit einer Telefonspule), dann kann der Ton auch ans andere Hörgerät geleitet werden. Das erhöht die Chancen, dass du mehr verstehst, insbesondere wenn das andere Ohr dein „gutes“ Ohr war.

Das hat übrigens nichts mit „mono“ oder „stereo“ zu tun. Telefonsignale sind immer mono, also nur eine einzelne Tonspur. Diese wird nicht automatisch stereo, nur weil man sie auch an das zweite Ohr schickt. Es ist in dem Fall also lediglich eine Kopie der einen Tonspur die da ist. Dennoch wird hier oft die Verständlichkeit besser als wenn man nur ein Ohr nutzen würde (und auf dem anderen sogar noch Störgeräusche hört).

Bei Bluetooth-fähigen Geräten gibt es hier übrigens zwei Varianten. Manche dieser Hörgeräte initiieren die Bluetoothverbindung nur zwischen einem Hörgerät und dem Mobiltelefon und leiten dann den Ton über das Ohr-zu-Ohr-Protokoll weiter. Alternativ können Mobiltelefone auch mehrere Bluetoothverbindungen zu mehreren Geräten aufmachen, das heißt auch zu beiden Hörgeräten gleichzeitig. In dem Fall würde das Ohr-zu-Ohr-Protokoll gar nicht benutzt. Welche Variante nun besser ist, ist aus Kundensicht vermutlich kaum merkbar, denn es kann höchstens ein wenig Latenz zwischen dem einen und dem anderen Ohr sein, wenn man das Ohr-zu-Ohr-Protokoll benutzt. Ich habe genau solche Hörgeräte und ich habe das noch nie bemerkt.

Zusammenfassung

Die Ohr-zu-Ohr-Kommunikation ist eine feine Eigenschaft von Hörgeräten. Sie macht uns Schwerhörigen das Leben auf folgende Weise leichter:

  • Steuersignale, wie da Umschalten von Programmen, müssen nur an einem Hörgeräte gemacht werden und kommen bei beiden an.
  • Richtungshören wird verbessert.
  • Telefonsignale werden auf beide Ohren geleitet und erhöhen damit die Verständlichkeit.

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