Hörtest Teil 4: Die Knochenleitung

Dies ist der vorerst letzte Teil der Reihe über Hörtests. Diesmal gehe ich näher ein auf die Messung der Hörschwelle über die Knochenleitung. Dies hatte ich ganz kurz im ersten Teil Audiogramm und Hörschwellenmessung angesprochen. Darüberhinaus gibt es noch Teil 2 Die Unbehaglichkeitsschwelle und Teil 3 Die Sprachverständlichkeit.

Wir Menschen hören eigentlich auf zwei Arten, einmal durch die Luft durchs Ohr (Luftleitung) und einmal über die Knochen (Knochenleitung). Im Detail bin ich darauf schonmal in dem Artikel Hören auf zweierlei Weise eingegangen. Wenn wir übers Ohr hören, dann nehmen die Schallwellen den Weg durch die Ohrmuschel in den Gehörgang, ans Trommelfell, über die Gehörknöchelchen, an die Membran des Innenohrs und damit in die Gehörschnecke wo die Härchen bewegt werden, die dann letztendlich über die verbundenen Nervenzellen die Signale ans Gehirn senden. Wenn wir über die Knochen hören, dann geht die Schallwelle über die Luft an unseren Schädel, durch die Haut an den Schädelknochen in unseren Kopf ans Innenohr. Ab hier ist der Weg identisch mit dem letzten Teil des Weges durchs Ohr. Wenn die Schallwelle im Innenohr ankommt, erreicht sie die Hörschnecke und bewegt die Härchen, die über die Nervenzellen die Signale ans Gehör weitergeben.

Bei einem umfassenden Hörtest sollten beide Wege getestet werden. Der Grund dafür ist, dass man so unter anderem lokalisieren kann, wo die Ursache für den Hörverlust liegt. Das funktioniert wie folgt.

Messung der Knochenleitung

Dein Arzt oder Akustiker macht zunächst den Hörtest der Hörschwellenmessung über die Luftleitung (welche ich in Teil 1 Audiogramm und Hörschwellenmessung geschrieben habe) und trägt die Hörkurve ins Audiogramm ein. Danach macht er die gleiche Messung über die Knochenleitung. Dazu macht er genau das gleiche wie vorher, außer dass er dir einen anderen Kopfhörer aufsetzt. Dieser Kopfhörer wird nicht auf die Ohren gesetzt sondern ist im Prinzip ein Bügel dessen Enden an den Knochen hinter deinen Ohren angesetzt wird. Das sieht dann so aus:

Knochenleitungskopfhörer welcher hinterm Ohr angesetzt wird und mit einem Kabel verbunden ist.
Knochenleitungskopfhörer welcher hinterm Ohr angesetzt wird und mit einem Kabel verbunden ist.

Nun spielt dein Arzt oder Akustiker wieder verschiedene Töne in verschiedenen Lautstärken ab und trägt das Ergebnis als zweite Kurve in das gleiche Audiogramm wie beim ersten mal ein. Dazu muss man sagen, dass ein Ton der über den Knochen zu deinem Gehirn gelangt, ein ganzes Stück lauter sein muss als über den anderen Weg. Es braucht halt ein wenig „Wumms“ um durch so einen Schädelknochen zu gelangen. Diese Differenz beträgt ca. 50dB. Das heißt dass eigentlich die zweite Kurve ca. 50dB unter der ersten Kurve auf dem Audiogramm eingetragen sein müsste.

Beispiel: TODO Bild: mit zwei kurven 50dB auseinander

Audiogramm mit einer Hörschwelle der Luftleitung und der Knochenleitung. Die Differenz ist 50dB.
Audiogramm mit einer Hörschwelle der Luftleitung (Notation „o“) und der Knochenleitung (Notation „<„). Die Differenz ist 50dB.

Damit man aber die beiden Kurven besser miteinander vergleichen kann, wird das Messgerät deines Arzt oder Akustikers so kalibriert, das es diese 50dB immer sofort abzieht. Das führt dann dazu, dass die beide Kurven mehr oder weniger exakt über einander liegen – wenn du über beide Wege mehr oder weniger gleich gut (oder schlecht) hörst. Zum Beispiel:

Audiogramm bei dem die Hörschwelle der Luftleitung und der Knochenleitung mehr oder weniger überlagern.
Audiogramm bei dem die Hörschwelle der Luftleitung und der Knochenleitung mehr oder weniger überlagern.

Vergleich der Hörkurven

Was kann man nun aus dem Vergleich der beiden Kurven lernen? Da die beiden Wege zu hören einen Teil gemeinsam haben (Innenohr mit Hörschnecke, Härchen und Nervenzellen) und einen Teil nicht (Hörmuschel, Gehörgang, Trommelfell, Gehörknöchelchen, Membran) kann man aus einer Abweichung der beiden Kurven voneinander schließen, wo das Problem liegt. Wenn beide Kurven mehr oder weniger auf einander liegen, aber insgesamt von der Kurve eines hörenden Menschen abweichen, dann liegt es nahe, dass es sich um eine Schwerhörigkeit im Innenohr handelt, denn das ist der Teil den beide Wege gemeinsam haben. Häufig ist das eine Schädigung der Härchen, die zum Beispiel durch zu hohe Beanspruchung (lange laute Musik hören) irgendwann abbrechen. Also wenn im Innenohr etwas nicht gut funktioniert, dann spiegelt sich das in beiden Kurven wieder. Das ist übrigens oft der Fall bei einer typischen Altersschwerhörigkeit.

Wenn die Kurve der Knochenleitungsmessung über der der „normalen“ Hörschwellenmessung liegt, dann hörst du über den Knochen besser als durchs Ohr. Das liegt nahe, dass etwas in dem Teil des Weges von Ohrmuschel zur Membran des Innenohrs nicht ideal funktioniert, das kann z.B. eine Verstopfung des Gehörgangs sein oder ein Riss oder eine Vernarbung des Trommelfells. Letzteres können Ärzte natürlich auch sehen, was meistens dann der zweite Schritt zur Abklärung dieser Diagnose ist.

Audiogramm der Hörschwellen. Hier liegt die Knochenleitung unter der Luftleitung.
Audiogramm der Hörschwellen. Hier liegt die Knochenleitung unter der Luftleitung.

An dieser Stelle könnte man auch noch weiter ins Detail gehen, was aber für diesen Artikel zu weit gehen würde. Man kann die Formen der Kurven noch detaillierter vergleichen und z.B. Schlüsse daraus ziehen bei welchen Frequenzen die Kurven weiter weg oder zueinander zulaufend sind. Das sollte vor allem dein Arzt nutzen um eine noch genauere Diagnose zu stellen.

Häufigkeit der Messung

Wer von euch schon länger Probleme mit dem Hören hat und vielleicht daher auch schon mehrere Hörtests gemacht hat, dem wird aufgefallen sein, dass die Knochenleitungsmessung nicht jedes mal mitgemacht wird. Insbesondere Akustiker sparen sich das ganze nach ein paar Jahren. Der Grund ist hier (neben „Zeit ist Geld“), dass sich bei den meisten Langzeit-Hörverlusten nicht mehr so viel ändert. Für die Diagnose die man am Anfang einmal erstellt hat, hat die erste Messung gereicht und nun braucht man sie ohne konkreten Anlass nicht besonders oft zu wiederholen.

Hörgeräteversorgung

Je nach dem wo der Hörverlust bei dir stattfindet, sieht auch die Versorgung mit Hörgeräten unterschiedlich aus. Die meisten Menschen mit Hörverlust haben eine Innenohrschwerhörigkeit. Diese kann man am effektivsten mit „normalen“ Hörgeräten kompensieren, also solche die den Ton über einen Lautsprecher in den Gehörgang bringen. Wenn das Problem allerdings vor dem Innenohr liegt, so kann man unter Umständen eine Hörlösung finden, die sich auf den anderen Weg, also den Knochenleitungsweg, konzentriert.

Dafür gibt es auch Hörgeräte, sogenannte Knochenleitungshörgeräte. Diese sehen sehr anders aus als normale Hörgeräte, denn sie müssen ja den Ton nicht in den Gehörgang, sondern an den Knochen kriegen. Das funktioniert ähnlich wie der Knochenleitungskopfhörer, den dein Arzt oder Akustiker beim Hörtest verwendet hat. Damit sie allerdings nicht ganz so klobig aussehen, sind diese mit Brillengestellen kombiniert. Das sieht dann aus wie eine normale Brille, nur das die Bügel hinterm Ohr noch etwas weiter gehen und auf den Knochen hinterm Ohr leichten Druck ausüben. Der Ton aus dem Prozessor des Hörgerätes (der im Brillengestell steckt), versetzt dann den Bügel in Schwingungen, welche dann auf deinen Knochen übertragen werden.

Ein Kopf eines Menschen der eine Hörbrille trägt. Der Bügel hinter dem Ohr berührt den Schädelknochen.
Eine Hörbrille. Der Bügel hinter dem Ohr berührt den Schädelknochen.

Zusammenfassung

Ich hoffe ich habe dir in diesem Artikel folgendes veranschaulichen koennen:

  • Wir Menschen hören übers Ohr und über die Knochen.
  • Beim Hörtest kann man beides testen.
  • Je nach Differenz des Ergebnisses kann man die Ursache des Hörverlustes herausfinden.
  • Je nach Ursache kann man die Art der Hörgeräteversorgung wählen.
  • Hörgeräte für die Knochenleitung heißen Hörbrillen. Sie übertragen den Ton über die Bügel an den Schädel des Trägers.

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