Die Lesebrille

Es fing schleichend an. Ganz intuitiv hielt ich die Zeitschrift, zum lesen etwas weiter weg. Beim Lesen von Kleingedrucktem war es am einfachsten, über den Rand meiner Brille zu schielen. Bei der Arbeit am Computer erwischte ich mich öfter dabei, die Tastenkombination zu drücken, die alle Buchstaben etwas größer macht. Nach ein paar Monaten beschlich mich das Gefühl, dass ich mal mit meinem Augenarzt sprechen sollte.

Eine Lesebrille auf einem aufgeschlagenen Buch liegend
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“Herzlichen Glückwunsch, ihre Altersweitsicht geht los. In Ihrem Alter liegen Sie da voll im Schnitt,” waren seine Worte. “Na danke,” dachte ich und ging mit dieser Erkenntnis erst einmal wieder nach Hause. Ich brauchte zwar noch keine Lesebrille, aber musste meine Fernbrille zum Lesen abnehmen. Im folgenden Jahr habe ich das auch gemacht, aber ich kam mir dabei zunehmend dämlich vor.

Als ich fünfzehn war, war es für mich immer ein Zeichen von seniler Sturheit, dass sich alte Leute in Sachen Lesen eigentlich ständig zum Affen machen. Entweder weil sie versuchen, die Zeitung weiter von sich weg zu halten als ihre Arme lang sind oder weil sie über den Brillenrand hinweg schielen oder weil sie die Brille abnehmen und nach 5 Minuten vergessen haben, wo sie sie hingelegt haben (Bonuspunkte für “hochgeschoben auf dem Kopf vergessen”). Als mein 40jähriges ich realisierte, dass ich gerade dabei war, genau so zu werden, machte ich einen weiteren Termin beim Arzt und holte mir ein Rezept für eine Gleitsichtbrille.

Im Gegensatz zu meinen Augen ließen mich meine Ohren schon viel früher im Stich. Mit Ende zwanzig bekam ich meine ersten Hörgeräte. Ich habe sie nie als Zeichen von “Alter” wahrgenommen, denn dafür war ich viel zu jung. Vielleicht, weil ich es eben nicht so empfand, habe ich es auch nicht vor mir hergeschoben, zum Arzt zu gehen.

Lange Zeit habe ich mich immer gewundert, warum so viele ältere Leute zu lange warten, bis sie sich Hörgeräte besorgen – oft sogar eine Dekade zu spät dran sind. Das Zögern hat so viele Nachteile: Hörgeräte klingen schriller und lauter, denn das Gehirn muss sich erst langsam wieder an die Geräusche gewöhnen, die es so lange nicht gehört hat. Unversorgte Schwerhörigkeit steht auch im Verdacht auf ein erhöhtes Risiko für Demenz. Und zu guter Letzt ist man schon 10 Jahre lang seiner Familie auf den Keks gegangen, weil sie alles dreimal wiederholen mussten. Mit Ende 20 wunderte ich mich, warum nicht jeder so schnell wie möglich diese Probleme mit einem Hilfsmittel lindern möchte.

Nun, da mich mit der Lesebrille eine Alterserscheinung im richtigen Alter erwischt hat, kann ich es etwas besser nachvollziehen. Der Anfang vom Alter ist kein willkommener Gast. Es ist okay zu betrauern, dass man alt wird. Dass man etwas, was man früher mit Leichtigkeit konnte, nun nur noch mit Hilfsmitteln kann. Und beim Trauern geht man durch viele Phasen, unter anderem auch die Verleugnung “Die nuscheln einfach nur zu viel! / Die drucken das einfach viel zu klein!”. Dennoch, sowohl bei der Lesebrille als auch bei den Hörgeräten, ist es von Vorteil, zügig bei der Phase “Akzeptanz” anzukommen. Das ist am besten für unsere Gesundheit und vermeidet, dass uns Fünfzehnjährige für senile Sturköpfe halten.

Seit Anfang 2022 schreibe ich als freie Autorin für das Dezibel. Dieser Artikel ist ursprünglich in der Dezibel Ausgabe 2026 Nr. 2 erschienen. Dezibel ist die Mitgliederzeitschrift von Pro Audito, der führenden Anlaufstelle für die 1,3 Millionen Menschen mit Schwerhörigkeit in der Schweiz, http://www.pro-audito.ch.

7 Kommentare zu „Die Lesebrille

  1. 1.Frage: Mit welcher Tastenkombination macht man Buchstaben größer?
    2.Frage: Hast Du auch Erfahrung mit der Kombination Brillenbügel und Hinter-Ohr-Geräten? Ich finde es super unbequem, entweder drückt der Brillenbügel oder das Hörgerät. Der Opiker schiebt die Schuld auf den Akustiker und der Akustiker schiebt die Schuld auf den Optiker. Gibt es hier keine (technische) Lösung?

    • Zu 1. das kommt auf die Software an, meistens ist es Strg + Shift + „+“ (bzw „-“ zum kleiner machen). Es gibt auch in den meisten Computer/Handy-Betriebssystemen verschiedene Möglichkeiten hier verschiedene Dinge einzustellen. Die Suchmaschine deiner Wahl hilft dir da bestimmt.

      Zu 2.: Ich finde das geht mit schlanken Brillenbügeln und RIC-Hörsystemen (also die mit Kabel und nicht mit Schlauch) am besten.

  2. 2. Hängt von der Anatomie von Kopf und Ohren ab und ist daher individuell unterschiedlich. Am besten mit den Hörsystemen und Brille zum Optiker, damit er entsprechend die Bügel mit Wärme anpassen kann. Beim Brillenkauf immer mit Hörgeräten testen, wie es hinterm Ohr sitzt bzw. beim Hörgerätekauf die Brille dazu probieren. Und Schlauch oder Kabel vom Hörgerät nicht einklemmen, also: Kopf -Brillenbügel – Hörgeräte -Ohrmuschel. Außerdem kann der Akustiker Schlauch bzw. Kabel der Hörgeräte prüfen, ob zu kurz oder zu lang und entsprechend anpassen.
    So sollte es klappen.

  3. Schöner Artikel, der ein wichtiges Thema anspricht!
    Ja, es ist wirklich eine „unnötige“ Belastung der Lebensqualität über mehrere Jahre für sich und die Umgebung, wenn man die Hilfsmittel nicht annehmen will.
    Und Hörgeräte sind gerade am Anfang der „Hörkarriere“ auch nicht teurer als Brillen!

  4. Hier sagte der Optiker vor Jahren: „Na, in ihrem Alter wäre eine Gleitsichtbrille sinnvoll, dann wird der Übergang leichter“ – so habe ich anfangs gar nicht mitbekommen, als ich in die Altersweitsicht gerutscht bin. Bis der Augenarzt, den ich aufgesucht hatte, weil mir morgens teils das Fokussieren schwerer fiel, meinte: „Na, sie brauchen doch die Gleitsicht eigentlich gar nicht, beim Lesen nutzen sie ja die gesamte Fläche der Brille.“ Als die Brille also ein Jahr später eh neu musste, weil die Gläser verkratzt waren eine ohne Gleitsicht machen lassen. Ein Jahr lang den grummelig an den Arzt gedacht: Brille hochschieben, zum Lesen – oder abnehmen zum Lesen und Minuten später: „Wo ist bloß meine Brille??“ Jetzt wieder happy mit Gleitsicht, nur für lange Naharbeiten kommt die Brille immernoch weg 🙂

  5. Eine Brille habe ich seit meinem 14. Lebensjahr. Erst eine Fern- und deutlich später eine Gleitsichtbrille. Für den PC gab es vom Arbeitgeber eine entsprechende Bildschirmbrille, die die Tastatur bzw. Unterlagen erfasste.
    Nun aber zu den Ohren: Bei den mehr oder wenigen Hörtests war die Einschätzung des Hörakustikers „Im Hochtonbereich ist altersbedingt ein Defizit vorhanden, aber ein Hörgerät muss nicht unbedingt sein.“ Da wurde eben der Fernseher weiterhin laut(er) gestellt. Vor einem knappen Jahr bot ein Hörgerätevertrieb ein 28-tätiges Probetragen an (Insider wissen bestimmt, wen ich meine). Das wollte ich ausprobieren, um den Effekt persönlich zu erleben, Dafür, dass der Hörakustiker mich auf seine Modelle „umlenkte“, bin ich heute dankbar. Nach einem mehrmonatigen Test von verschiedenen HdO- und IdO-Geräten nutze ich jetzt maßangefertigte IdO-Hörgeräte eines Premium-Herstellers, Auch habe ich in der Testphase intensiv die verschiedenen Webangebote zu Hörgeräten, deren Herstellern und den fast unendlich vielen Nur-Verkäufern angesehen. Sehr schätze ich den Hörakustiker vor Ort, der seine Produkte genau kennt und besonders in der Anfangszeit stets helfen konnte,

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