Einklang von Körper und Geist

Wie ist Yoga für Schwerhörige?

Seit Herbst 2021 schreibe ich als freie Autorin für die Audio Infos. Dieser Artikel ist ursprünglich in der Audio Infos Ausgabe März 2022 unter dem gleichen Titel erschienen. Audio Infos ist die Fachzeitschrift für Akustiker*innen, https://www.audio-infos.de/.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Hörgeräte ähnlich wie Tampons beworben werden? Man kann damit angeblich alles machen, insbesondere sportliche Freizeitaktivitäten wie Schwimmen und Reiten. Schwimmen ist wegen der Wasserdichtigkeit bei Hörgeräten noch schwierig, aber die Branche braucht ja auch noch Herausforderungen für die nächsten Jahre.

Eine Sportart, die nichts mit Wasser tun hat, ist Yoga. Hier vermuten Menschen, dass das mit Hörgeräten prima funktionieren sollte. Diese Menschen sind meiner Meinung nach entweder nicht schwerhörig oder haben noch nie Yoga gemacht. Begleiten Sie mich in eine Yoga-Lektion aus Sicht einer Schwerhörigen.

Montag morgen, ich betrete mit meiner Yogamatte den Raum des Fitnessstudios. Es geht schon mit der Platzwahl los. Wenn die Stimme meines Yogalehrers den Radius meiner Hörgeräte erreichen soll, muss ich einen Platz vorne nehmen. Dann säße ich aber für den Rest des Kurses auf dem Präsentierteller. Ich weiss nicht, wie grazil Sie beim Yoga aussehen, ich bin da eher so Level “Nilpferd”, und bevorzuge es daher, ganz hinten in der Ecke unbeobachtet meine Verrenkungen zu machen. Ich mache meistens mit mir und meinen Ohren einen Kompromiss und wähle einen Platz im Mittelfeld.

Dann geht’s los. Leider haben Yogalehrende die Angewohnheit nicht besonders laut zu sprechen. Stattdessen gibt es die Instruktionen der jeweiligen Position in sanft dahin gehauchten Stichworten. Manche kommen auf die Idee die akustische Situation noch schwieriger zu machen, indem sie gregorianische Gesänge oder Panflöten als Hintergrundmusik abspielen. Die Motivation der sanften Ansagen ist natürlich nachvollziehbar, denn Yoga hat etwas damit zu tun mental herunter zu kommen und sich um Einklang von Körper und Geist zu bemühen. Für mich ist es allerdings wirklich schwierig. Anstatt mich auf meinen Atem oder meine innere Ruhe zu konzentrieren, denke ich ständig gehetzt “Was hat der jetzt gesagt? Wo soll mein Fuss hin?”. Was ich eigentlich bräuchte, wäre der Drill Sergeant aus “Full Metal Jacket”. Ich kann mir aber vorstellen, dass es bei meinen Mitturnenden nicht so gut ankommt, wenn sie mit “Und jetzt in den herabschauenden Hund, ihr Maden!” angeschrien werden. Ich hingegen fände das grossartig, denn ich wüsste endlich mal was ich tun muss, ohne nach links und rechts zu schielen was die anderen denn so machen.

Moderne Hörgeräte sind eigentlich sehr schlaue kleine Dinger. Meine können zum Beispiel automatisch herausfinden, in welcher Richtung – relativ zu mir – der Sprechende steht. Das funktioniert natürlich nur solange gut, solange das ganze relativ statisch ist und wir uns beide nicht viel bewegen. Diese Richtungserkennung ist beim Yoga aber spätestens nach 10 Minuten verwirrt, denn mein Kopf ist ja mal oben, dann wieder unten und dann gleich links und mal rechts, je nach dem wie ich gerade versuche mich zu verbiegen. Das ist der Grund warum ich meine Hörgeräte gleich zu Beginn der Stunde immer um ein paar Dezibel lauter stelle, damit ich auch noch was mitkriege wenn sie mal wieder vollends verwirrt sind.

Apropos “Kopf nach unten”. Meine aktuellen Hörgeräte sind so gar nicht dafür gemacht, dass ich auch mal kopfüber hänge. Das passiert beim Yoga natürlich ab und zu. Dann rutschen diese kleinen Böhnchen immer gleich an ihren dünnen Käbelchen hinter meinem Ohr hervor. Dank der gut angepassten Ohrstücke fallen sie zwar nicht heraus, aber baumeln lustig um meine Ohren herum. Ich habe dann immer ein Bild im Sinn von einem kleinen grünen Marsmännchen mit wackelnden Antennen auf dem Kopf. Meine vorherigen Hörgeräte aus den 2010ern saßen dank dickem Plastikschlauch bombenfest. Ich könnte dem Problem natürlich Abhilfe schaffen, indem ich mir ein Stirnband anziehe. Dagegen spricht aus akustischer Sicht allerdings, dass das Band die Mikrophone der Hörgeräte überdeckt, auf die ich ja so angewiesen bin. Außerdem erinnern mich Stirnbänder immer sehr an die Aerobic-Klassen der 80er Jahre. Und wenn ich mich zwischen 80er Jahre Chic und Marsmännchen entscheiden muss, dann nehme ich letzteres.

Das beste kommt zum Schluss. Am Ende einer Yoga-Stunde findet traditionell eine Meditation statt. Meistens heißt das einfach schweigend 10 Minuten herum zu liegen. Das ist entspannend, egal ob man gut oder schlecht hören kann. Die ganz kreativen Yogalehrenden wollen hier allerdings etwas dabei vorlesen: mehr oder weniger tiefgründige Geschichten oder Lebensweisheiten, die für den Tag anzuwenden sind. Auch das tun sie leider nicht in der Drill-Sergeant-Lautstärke. Das hat für mich wieder den Effekt hat, dass ich all meine Energie ins Hören stecken muss und gestresst alle paar Sekunden denke “Was war das grad? Worum geht es?” Sie können sich denken, dass das nicht gerade dabei hilft, den Geist zu in ruhige Bahnen zu lenken. 

Ich hoffe mein kleiner Ausflug in eine Yogastunde hat Ihnen gefallen. Es mag Sie verwundern, aber unter diesen Bedingungen erreiche ich trotzdem das Ziel des Yogas. Nach so einer Yogastunde tut mir meistens alles gleich weh: mein Körper wegen der Übungen und mein Geist wegen der Höranstrengung. Das ist doch auch eine Art von Einklang, oder?

Ein Gedanke zu „Einklang von Körper und Geist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.