Die eine Checkbox

Wie einfach muss eine Hörgeräte-App sein?

Seit Herbst 2021 schreibe ich als freie Autorin für die Audio Infos. Dieser Artikel ist ursprünglich in der Audio Infos Ausgabe Mai 2022 unter dem gleichen Titel erschienen. Audio Infos ist die Fachzeitschrift für Akustiker*innen, https://www.audio-infos.de/.

Ende 2019 bekam ich meine aktuellen Hörgeräte. Seit meiner letzten Neuanschaffung hatte sich auf dem Markt einiges getan. Unter anderem bieten Hersteller nun Apps für Mobiltelefone zu den Hörgeräten an. Die meisten können allerdings nur wenig mehr als die Fernbedienungen die man früher kaufen konnte.

Als Benutzerin kann ich mit meiner App zwischen den Hörgeräte-Programmen umschalten und die Lautstärke regeln. Ein paar Apps bieten eine Art Mini-Equalizer, mit dem ich die Lautstärke getrennt für Tiefen, Mitten und Höhen einstellen kann. Bei manchen gibt es die Möglichkeit den Fokus und die Hintergrundgeräuschunterdrückung separat einzustellen. 

Besonders mag ich es, dass ich mit meiner App die Einstellungen unter einem neuen Profil speichern kann. Ich habe in meiner App für jeden Besprechungsraum im Büro ein Profil angelegt, welches exakt das störende Hintergundsummen der jeweiligen Klimaanlage verschwinden lässt.

Allerdings hatte ich gehofft, dass man mit den Apps mehr einstellen kann. Natürlich erwarte ich nicht, dass Hersteller mir genauso viele Knöpfe geben wie meinem Akustiker in seiner Software. Ich verstehe, dass Hörgeräte Medizingeräte sind, an denen ungeschulte Kunden sich nicht die Hörgeräte so verstellen können sollen, dass sie ihrem eigenen Gehör mehr schaden als nutzen. 

Einen Punkt verstehe ich allerdings nicht. Die Software meines Akustikers hat neben den Parametern, die die Anpassung an meine Hörkurve darstellen, einige weitere Einstellungsmöglichkeiten. Mit diesen Einstellungen kann ich meinen Ohren beim besten Willen keinen Schaden zufügen.

Bei meinem TV-Connector kann man einstellen, wie er sich verhalten soll, wenn der Fernseher angeht. Die Standardeinstellung ist folgende: geht der Fernseher an, so geht auch der TV-Connector an, und die Hörgeräte springen sofort in das zugehörige TV-Programm. Das klingt erstmal praktisch, stellte sich aber als sehr nervig heraus. Das Funksignal des Connectors reicht in unserer Wohnung relativ weit. Das führt dazu, dass meine Hörgeräte immer in den TV-Modus sprangen wenn mein Mann zwei Räume weiter den Fernseher anmachte um mit seiner Spielekonsole zu spielen.

Die alternative Einstellung ist für mich viel passender: wenn der Fernseher angeht, geht der TV-Connector an, aber anstatt direkt in das TV-Programm zu springen, macht mein Hörgerät nur einen Signalton. Nur wenn ich dann einen Schalter am Hörgerät betätige, springt es in das TV-Programm. Das ist ein Segen, denn auch wenn der Signalton mir nun verrät wann mein Mann Konsole spielt, kann ich weiter ungestört das hören was ich gerade hören wollte.

Der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Option ist eine einzige kleine Checkbox. Diese Checkbox gibt es nur in der Software meines Akustikers und nicht in meiner App. Und das, obwohl vermutlich keiner bestreitet, dass ich meinen Ohren weder mit der einen, noch der anderen Option schaden kann.

Das Ende vom Lied war, dass ich eine Woche auf einen Termin beim Akustiker warten musste. Dann musste ich zwei Stunden meiner Arbeitszeit dafür aufbringen zu ihm zu fahren, ihn ein Häkchen setzen zu lassen, und dann wieder zurück zu fahren. Ich denke auch für meinen Akustiker war das ein unbefriedigender Termin, denn seine Akustikerkunst konnte er damit nicht unter Beweis stellen. Wenn man das mal ausrechnet, war das sowohl für mich als auch für ihn eine teure Checkbox.

Ich vermisse weitere – ähnlich ungefährliche – Einstellmöglichkeiten in meiner App. Ich mag es, viele verschiedene Programme in meinen Hörgeräten zu haben. Aber nach einer Weile stelle ich immer fest, dass ich die Hälfte davon doch nicht benutze und dann lieber wieder löschen möchte. Auch möchte ich die Reihenfolge der Programme ändern können, die ich mit dem Kippschalter an meinem Hörgerät hintereinander durchschalten kann.

Ein weiterer Wunsch sind Updates der Software meiner Hörgeräte. Wenn ich den neusten Stand haben möchte – inklusive Sicherheitsupdates – so führt momentan kein Weg am Besuch im Fachgeschäft vorbei. Selbst in Zeiten von Fernanpassung per Videokonferenz ist das meistens noch nicht möglich. Meine Hörgeräte können allerdings Bluetooth LE. Das ist die Technologie, die die App auch nutzt um mit den Hörgeräten zu kommunizieren. Mit Bluetooth LE kann ich ohne Probleme Updates von meinem Mobiltelefon auf meinen Fitnesstracker und meine Smartwatch spielen. Warum kann ich das nicht mit meinen Hörgeräten? Selbst wenn da mal etwas schief geht, kann ich ja immer noch zum Fachgeschäft fahren. Dennoch blieben mir und meinem Akustiker so vermutlich einige Besuche erspart.

Ich vermute eine Überlegung der Hersteller ist, dass sie die Apps einfach halten möchten um die weniger technikaffinen Kunden nicht zu überfordern. Das ist ein nobles Ziel, aber meiner Meinung nach muss das eine das andere nicht ausschließen. Ich erwarte diese Einstellmöglichkeiten nicht auf der ersten Bildschirmseite. Sie können auch gerne tiefer in der App “vergraben” sein. Wichtig ist mir nur, dass sie vorhanden sind. Und solange ich sie schneller finde als es mich kostet zum Fachgeschäft zu fahren, bin ich eine glückliche Kundin.

Ein Gedanke zu „Die eine Checkbox

  1. …ich kann nur zustimmen, seh ich genauso.
    Die Hersteller sind an maximalem Profit interessiert, nicht an maximalem Nutzen. Sagen Sie mir, an welcher Stelle sichtbar werden würde, dass die Hersteller an Feedback durch die Kunden interessiert wären, um die Apps sinnvoll weiter zu entwickeln! Die Akustiker wollen auch nicht, dass sich daran was ändert – könnte Ihre Bedeutung schmälern. Je mehr – auch erzwungene – Kundenbindung, desto mehr Absatzchancen. Abhängige Kunden können leichter gemolken werden.

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