Die Lesebrille

Es fing schleichend an. Ganz intuitiv hielt ich die Zeitschrift, zum lesen etwas weiter weg. Beim Lesen von Kleingedrucktem war es am einfachsten, über den Rand meiner Brille zu schielen. Bei der Arbeit am Computer erwischte ich mich öfter dabei, die Tastenkombination zu drücken, die alle Buchstaben etwas größer macht. Nach ein paar Monaten beschlich mich das Gefühl, dass ich mal mit meinem Augenarzt sprechen sollte.

Eine Lesebrille auf einem aufgeschlagenen Buch liegend
Foto von GettyImages bei Unsplash

“Herzlichen Glückwunsch, ihre Altersweitsicht geht los. In Ihrem Alter liegen Sie da voll im Schnitt,” waren seine Worte. “Na danke,” dachte ich und ging mit dieser Erkenntnis erst einmal wieder nach Hause. Ich brauchte zwar noch keine Lesebrille, aber musste meine Fernbrille zum Lesen abnehmen. Im folgenden Jahr habe ich das auch gemacht, aber ich kam mir dabei zunehmend dämlich vor.

Als ich fünfzehn war, war es für mich immer ein Zeichen von seniler Sturheit, dass sich alte Leute in Sachen Lesen eigentlich ständig zum Affen machen. Entweder weil sie versuchen, die Zeitung weiter von sich weg zu halten als ihre Arme lang sind oder weil sie über den Brillenrand hinweg schielen oder weil sie die Brille abnehmen und nach 5 Minuten vergessen haben, wo sie sie hingelegt haben (Bonuspunkte für “hochgeschoben auf dem Kopf vergessen”). Als mein 40jähriges ich realisierte, dass ich gerade dabei war, genau so zu werden, machte ich einen weiteren Termin beim Arzt und holte mir ein Rezept für eine Gleitsichtbrille.

Im Gegensatz zu meinen Augen ließen mich meine Ohren schon viel früher im Stich. Mit Ende zwanzig bekam ich meine ersten Hörgeräte. Ich habe sie nie als Zeichen von “Alter” wahrgenommen, denn dafür war ich viel zu jung. Vielleicht, weil ich es eben nicht so empfand, habe ich es auch nicht vor mir hergeschoben, zum Arzt zu gehen.

Lange Zeit habe ich mich immer gewundert, warum so viele ältere Leute zu lange warten, bis sie sich Hörgeräte besorgen – oft sogar eine Dekade zu spät dran sind. Das Zögern hat so viele Nachteile: Hörgeräte klingen schriller und lauter, denn das Gehirn muss sich erst langsam wieder an die Geräusche gewöhnen, die es so lange nicht gehört hat. Unversorgte Schwerhörigkeit steht auch im Verdacht auf ein erhöhtes Risiko für Demenz. Und zu guter Letzt ist man schon 10 Jahre lang seiner Familie auf den Keks gegangen, weil sie alles dreimal wiederholen mussten. Mit Ende 20 wunderte ich mich, warum nicht jeder so schnell wie möglich diese Probleme mit einem Hilfsmittel lindern möchte.

Nun, da mich mit der Lesebrille eine Alterserscheinung im richtigen Alter erwischt hat, kann ich es etwas besser nachvollziehen. Der Anfang vom Alter ist kein willkommener Gast. Es ist okay zu betrauern, dass man alt wird. Dass man etwas, was man früher mit Leichtigkeit konnte, nun nur noch mit Hilfsmitteln kann. Und beim Trauern geht man durch viele Phasen, unter anderem auch die Verleugnung “Die nuscheln einfach nur zu viel! / Die drucken das einfach viel zu klein!”. Dennoch, sowohl bei der Lesebrille als auch bei den Hörgeräten, ist es von Vorteil, zügig bei der Phase “Akzeptanz” anzukommen. Das ist am besten für unsere Gesundheit und vermeidet, dass uns Fünfzehnjährige für senile Sturköpfe halten.

Seit Anfang 2022 schreibe ich als freie Autorin für das Dezibel. Dieser Artikel ist ursprünglich in der Dezibel Ausgabe 2026 Nr. 2 erschienen. Dezibel ist die Mitgliederzeitschrift von Pro Audito, der führenden Anlaufstelle für die 1,3 Millionen Menschen mit Schwerhörigkeit in der Schweiz, http://www.pro-audito.ch.

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