Die Ziellinie

Meistens bin ich ein Mensch, der sich über technologischen Fortschritt freut. Ich bin neugierig, wie sich die Welt weiterentwickelt, probiere Neues frühzeitig aus und bilde mich gerne weiter. Unter anderem finde ich so auch neue Hilfsmittel und Apps, die mir mein Leben als Mensch mit Schwerhörigkeit leichter machen. Aber es gibt da auch einen anderen Aspekt von Technologiefortschritt, der mich nervt.

Eine Rennstrecke von oben. Ein Motorrad fährt über die Ziellinie.
Foto von Anton Shuvalov auf Unsplash.

Ein Beispiel: In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich ein neues Medienformat namens “Podcast” etabliert. Podcasts sind im Prinzip so etwas wie Radiosendungen, die im Internet zur Verfügung gestellt werden. Sie werden nicht nur von großen Radiosendern gemacht, sondern eigentlich kann jeder Mensch einen eigenen Podcast machen. Das hat zu einer schönen Vielfalt an Inhalten in der Podcastwelt geführt.

Man hört Podcasts auf einer Webseite oder mit einer Podcast-App auf seinem Mobiltelefon. Podcastfolgen kann man abspielen wann auch immer es einem passt. Das heißt, im Vergleich zu einer traditionellen Radiosendung muss man nicht mehr zu einer bestimmten Zeit einschalten und ist daher viel flexibler.

Ich mag Podcasts. Am liebsten höre ich welche, wo Wissen vermittelt wird. So kann man auf leichte Weise etwas Neues lernen. Ich mag sie als Medienformat, weil man sie im Vergleich zu einem Radioprogramm nicht nur dann abspielen kann, wenn man möchte. Man kann zwischendurch auch Pause drücken oder nochmal ein Stück zurückgehen. Das ging im Radio nicht. Wenn ich da etwas nicht verstanden hatte, konnte ich nicht einfach „zurückspulen“, um es nochmal zu hören.

Doch hier kommt die andere Seite dieser Entwicklung. Die meisten Apps oder Webseiten zum Abspielen von digitalen Inhalten bieten die Möglichkeit, auch die Abspielgeschwindigkeit zu verändern. Das ist zum einen gut für Menschen mit Schwerhörigkeit, wenn wir etwas langsamer hören müssen, um es verstehen zu können. Man kann die Geschwindigkeit aber auch schneller stellen und das machen viele Menschen, weil sie damit in weniger Zeit mehr Inhalte konsumieren können. 

Neulich hat ein Kollege von mir erzählt, dass er Podcasts immer in 1,5-facher Geschwindigkeit hört. Das würde er immer so machen, denn so kann er in der gleichen Zeit mehr Inhalte konsumieren. Na super, dachte ich. Ich bin froh, dass “Radiohören” nun etwas barrierefreier für mich ist, aber nun muss ich “schnell Radiohören“, um mit den Hörenden mithalten zu können. Es fühlt sich so an, als hätte diese Technologie zwar Barrieren verringert, aber gleichzeitig auch die Ziellinie weiter nach hinten verschoben. 

Dazu kommt noch ein anderer Aspekt. Erst seit ein paar Jahren gibt es bei vielen Podcasts Transkriptionen. Man kann also alles Gesprochene gleichzeitig mitlesen. Manchmal ist das sogar so gemacht, dass immer die Stelle, wo der Podcast gerade ist, hervorgehoben ist, damit man den Anschluss nicht verliert. Das ist natürlich großartig für Menschen mit Schwerhörigkeit, aber es hat auch Jahre gedauert, bis sich Transkriptionen durchgesetzt haben. Es ist hier also wie oft mit Technologie, sie hilft als erstes den Menschen ohne Unterstützungsbedarf und weitaus später erst wird über die Barrierefreiheit nachgedacht. Damit macht jede Technologie, die so eine Wirkung hat, eine Schere auf, zwischen denen die ungehindert sofort von ihr profitieren und denjenigen, die den Zugang erst mühsam einfordern müssen. Lasst uns nicht die Energie verlieren, letzteres auch zu tun.

Seit Anfang 2022 schreibe ich als freie Autorin für das Dezibel. Dieser Artikel ist ursprünglich in der Dezibel Ausgabe 2025 Nr. 4 erschienen. Dezibel ist die Mitgliederzeitschrift von Pro Audito, der führenden Anlaufstelle für die 1,3 Millionen Menschen mit Schwerhörigkeit in der Schweiz, http://www.pro-audito.ch.

6 Gedanken zu „Die Ziellinie

  1. Ich frage mich wieviel von dem bei 1,5-facher Geschwindigkeit gehörten „hängen bleibt“. Meine Versuche bei nur 1,1 oder 1,2-facher Geschwindigkeit waren diesbezüglich sehr ernüchternd. Aber vielleicht liegt bei solchen Hörern der Fokus auf Quantität und weniger auf Qualität und sinnentnehmendem Hören.

  2. liebe helga,
    bisher habe ich kaum podcasts gehört und auch immer seltener youtube videos (vorträge oder diskussionen), meistens nicht mehr, weil das audio so grottenschlecht ist. irgendwie lieblos zusammengestoppelt und nicht auf qualiltät geachtet. argument ist gerne: produktionskosten!
    auf der anderen seite wird viel von inklusion geredt.alle werden. bei allem inkludiert, bis auf schwerhörige, begründung oft: weil man es nicht sieht.
    das macht mich dann echt sauer.

    anders rum: ich möchte und muß nicht mit normal-hörenden mithalten können. ich habe viele fähigkeiten, so wie du auch, die andre nicht haben. nicht weil wir nicht gut hören, sondern weil wir wir sind. ich höre nicht so gut, aber ich kann … (hier deine liebste fähigkeit einsetzen).

    ich wünsche mir auch oft mehr barrierefreiheit, und bin happy über jeden untertitel.
    danke für deinen beitrag.
    liebe grüße
    helen

  3. Liebe Helga, wer sagt denn, dass man mit den anderen Schritt halten muss? Die Ziellinie geben wir uns doch selber vor. Wer sich mit anderen vergleicht, der verliert. Das gilt auch für Menschen ohne Handicap! Irgendwas können andere immer besser, dafür hat jeder seine individuellen Stärken, wo er/sie gut ist. Viele Grüße, Marion

  4. Liebe Helga,
    ich denke es kommt zum einen drauf an welchen Player man nutzt die ARD Audiothek klingt bei , 1,5 facher Geschwindigkeit anders als Spotify beispielsweise. Dann kommt es drauf an, wo man gerade ist wenn man in ruhiger Umgebung ist ist es was anderes wie wenn noch Störgeräusche wie Verkehr im Hintergrund beispielsweise sind. Also ich höre ausschließlich über Spotify und da war fast immer schon das beschriebene dabei .

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