Der Preis der Schönheit des Hörens

Seit Herbst 2021 schreibe ich als freie Autorin für die Audio Infos. Dieser Artikel ist ursprünglich in der Audio Infos Ausgabe Oktober 2021 unter dem Titel „Sicherheit, Lebensqualität oder akustische Grütze?“ erschienen. Audio Infos ist die Fachzeitschrift für Akustiker*innen, https://www.audio-infos.de/.

Ich war Ende zwanzig, als meine “Hörreise” – wie Akustiker so schön sagen – begann. Gerade im Begriff mein Studium abzuschliessen stellte ich fest, dass ich in Menschenansammlungen Probleme hatte Gespräche zu verstehen.

Mein HNO diagnostizierte eine Hochtonschwerhörigkeit. Die Ursache blieb ein Rätsel. Weder geht Schwerhörigkeit in meiner Familie um, noch war ich lauten Geräuschen ausgesetzt. Es war weder Genetik noch Rock’n’Roll. Ich akzeptierte, dass ich einfach nie wissen werde, wo es herkam. Und ich weiss es bis heute nicht.

Das Problem: wenn man nicht weiss, wo die Reise losging, weiss man auch nicht, wo sie hingeht. Laute Musik kann das Gehör schädigen, aber sollte ich deshalb nun vorsichtiger sein wenn ich auf Konzerte gehe? Sollte ich mich mehr oder weniger schützen als Hörende es tun? Oder sollte es mir egal sein, weil das Kind schon in den Brunnen gefallen ist? Auch wenn ich mittlerweile einige Akustiker durch habe, habe ich noch keine befriedigende Antwort darauf bekommen.

Wenn ich auf ein Konzert gehe, soll ich dann meine Hörgeräte tragen oder nicht? Sie sollten es ja nicht schlimmer machen, denn über 110 dB verstärken sie sowieso nichts mehr. Aber sie dämpfen halt auch nichts was darüber ist. Töne über 110 db gehen ungefiltert durch das Luftloch meines Ohrstückes in mein Ohr. Sollte ich Ohrenstöpsel nutzen – vielleicht sogar so chice, perfekt für mich an mich angepasste? Die würden die lauten Töne dämpfen, aber verstärken leider nicht die hohen Frequenzen, die ich so dringend brauche.

Kein Akustiker machte eine definitive Aussage. “Das müssen Sie für sich entscheiden” war eine häufige Antwort. Na super.

Ich experimentierte. Ich besuchte Konzerte – mit und ohne Hörgeräte, mit und ohne Ohrstöpsel. Mit verschiedenen Hörgeräte-Programmen und verschiedenen Ohrstöpseln. Der Gewinner dieser Feldversuche war: mit Hörgeräten im Musikprogramm. Alles andere ist akustische Grütze.

Führt das dazu, dass ich mein Gehör weiter schädige? Keiner kann es mir sagen. 

Ich geniesse jedes Konzert in vollen Zügen, denn beim nächsten Mal könnten mir schon mehr Frequenzen fehlen. Wenn ich nach einem Konzert aus meinem Lieblingsclub stolpere, ist mein Tinnitus doppelt so laut und meine Freunde viel zu leise. Jedes mal denke ich “hoffentlich ist das morgen wieder weg”. Bisher war es das – noch.

Letztendlich ist es eine Abwägung zwischen Sicherheit und Lebensqualität. Sollte ich nicht mehr auf Konzerte gehen, um meine Zeit des Hörens zu verlängern?

Wenn jede Berührung meines Partners meinen Tastsinn abschwächte, würde ich aufhören ihn zu berühren? Wenn jedes Riechen einer Tasse Kaffee meinen Geruchssinn reduzierte, würde ich aufhören morgens meine Nase in eine solche zu stecken? Wenn jeder Blick auf etwas schönes ein Stück meines Augenlichtes vernichtete, würde ich aufhören schöne Dinge zu betrachten? Wenn jeder Hörgenuss mein Gehör schwächt, werde ich aufhören schöne Dinge zu hören?

4 Gedanken zu „Der Preis der Schönheit des Hörens

  1. Ich finde es ganz toll wie Du mit diesem Problem umgehst und die klare Sprache die auch nicht betroffen es verstehen.
    Lese deine Artikel immer mit Begeisterung.

  2. Ich denke der Akustiker hält sich hier bewusst zurück. Das ist eine Frage für den HNO. (Ja, ich bin vorbelastet und muss meine Berufsgruppe verteidigen 😉 )

    Der Impuls ist immer ‚Schützen! Den Defekt gibt Dir keiner zurück, HG sind nur ein Hilfsmittel‘. Aber, wie Du richtig sagst, auf den Genuss verzichten?
    Hast Du einmal versucht die Zusatzbohrung zu verschließen? Mit irgendwas, was Du nach dem Konzert wieder einfach raus bekommst, z.B. einem zurechtgeschnittenen Ohropax. Und dann ein Hörprogramm, welches linear auch die Tiefen mehr verstärkt, als Du es normal bräuchtest.
    Darüber sollten wir uns außerhalb der Kommentare einmal austauschen, wenn Du Lust/Zeit hast.

  3. Als Hörgeschädigter durch Hörsturz nach einem Discobesuch würde ich heute raten: „Schützt euer Gehör vor lauten Geräuschen. Gutes Hören ist sooo wichtig.“
    Verstehe natürlich auch, dass jeder Genuss genossen werden möchte. 😉

    Deine Hörgeräte werden nicht mehr verstärken, als deine individuell gemessene Unbehaglichkeitsschwelle es zulässt. Das ist -unter- der absoluten Verstärkungsleistung deiner Hörgeräte (somit keine 110 dB).
    Wie du selbst anmerkst, passieren jedoch extreme Lautstärken die Belüftungslöcher deiner Otoplastiken bzw. Schirmchen, was die verbliebenen Sinneszellen schädigen kann.

    Belüftungslöcher situationsabhängig zu verschließen würde ich ebenfalls raten + Programmierung/Selbstprogrammierung eines angepassten Konzertprogrammes. Dieses Programm muss manuell aktivierbar sein, also nicht per HG-Automatik.

    Ich selbst gehe auf keine Konzerte mehr.
    Weniger wegen der dB-Gefahr, sondern weil Musik für mich nicht mehr „geil“ klinkt und das Drumherum (z.B. Unterhaltungen) bei dem Lärm inzwischen unmöglich sind.

    LG,
    Ralf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.