Dieser Artikel ist Teil einer Serie über Hörtrainings. Den ersten Teil findet ihr hier: Besser Hören durch Hörtrainings.
In diesem Artikel gehe ich auf wichtige Aspekte von Hörtrainings ein. Ich hoffe, dies hilft dir zu entscheiden, ob das etwas für dich ist.
Beachte: Es geht hier ausschließlich um Hörtrainings, die für Menschen gedacht sind, die ihre Schwerhörigkeit mit Hörgeräten versorgen lassen können. Hörtrainings für Menschen mit Cochlea-Implantaten sind hier explizit nicht gemeint.
Ziele von Hörtrainings
Grundsätzlich ist das Ziel von Hörtrainings Menschen mit Schwerhörigkeit zu helfen, ihr Gehirn zu trainieren, um in Kombination mit einem Hörgerät wieder möglichst gut zu hören und weniger Hörstress zu haben.

Dabei kann “gut hören” verschiedene Dinge meinen. Welcher Aspekt hier wichtig ist, kann sich von Person zu Person unterscheiden. Je nach Hörtraining werden deine persönlichen Ziele auch zu Beginn besprochen und wenn möglich gezielt darauf eingegangen. Ziele können zum Beispiel sein: besseres Verstehen von Sprache im Störgeräusch (“Restaurant” Situation, siehe Cocktailparty-Effekt), besseres Fokussieren auf einzelne Sprecher wenn mehrere Leute gleichzeitig sprechen, besseres Richtungshören, weniger Hörstress oder Höranstrengung generell.
Indirekt hat das Ziel, besser zu hören, durch Training des Gehirns potentiell noch weitere Effekte. Wie ich in “Warum sind meine Hörgerät so laut?” beschrieben habe, baut unser Gehirn ab, wenn wir Hörgeräte zu leise stellen oder zu wenig tragen. Damit steigt die Gefahr, dass unser Gehirn weiter abbaut, so dass wir nicht nur noch schwerhöriger werden, sondern sogar ein größeres Risiko von Demenz haben. Man vermutet, dass Hörtrainings dem entgegenwirken können, auch wenn es hier noch wenig Langzeitstudien gibt.
Auf unsere Gesellschaft bezogen, könnten Hörtrainings helfen, weitreichende Probleme zu lindern. Es ist immer noch so, dass ein großer Anteil Menschen mit Schwerhörigkeit kein Hörsystem (Quelle) haben. Selbst die, die eine haben, tragen es oft nicht oder nicht genug. Die Scheu zum Akustiker zu gehen ist nach wie vor groß, auch weil wir uns oft nicht gut aufgehoben fühlen, wenn sich der Termin mehr nach Verkaufsgespräch als als Beratung für unsere Hörgesundheit anfühlt.
Wer bietet Hörtrainings an?
Hörtrainings werden von Austiker*innen angeboten. Je nach Anbieter gehört die Filiale gleich zu einer Firma, die das Hörtraining entwickelt hat. Es gibt aber auch Modelle, wo es für einen “ganz normalen” Akustiker eine Art Zusatzausbildung ist, die er von einem Hörtrainingsanbieter erworben hat. Dieser lizenziert dann in einer Art “Franchise” das Trainingskonzept und die entsprechenden Dinge, die dafür nötig sind (z.B. Apps oder Hardware). Auf diese Weise ist es möglich, Hörtrainings weiter zu verbreiten und so mehr Menschen mit Schwerhörigkeit zu erreichen.
Wenn du dich also für ein Hörtraining interessierst, kannst du deinen Akustiker danach fragen. Parallel empfehle ich bei den verschiedenen Anbietern auf deren Webseiten zu schauen, welche Filialen in deiner Umgebung dieses Hörtraining anbieten. Gegebenenfalls heißt das, dass du dann den Akustiker wechseln musst. Da es sowieso Sinn macht ein Hörtraining zu machen, wenn du dir neue Hörgeräte kaufst (mehr dazu später), ist ein Wechsel also eher von einem Hörgerät zum nächsten und du musst deinem Akustiker nicht mitten im Versorgungszeitraum die Freundschaft bzw. Kundschaft kündigen.
Für wen sind Hörtrainings geeignet?
Hörtrainings machen für jeden Menschen Sinn, der schwerhörig ist und diese Schwerhörigkeit in einem Bereich liegt, den man mit Hörgeräten versorgen kann.
An dieser Stelle der Hinweis, dass es auch Hörtrainings gibt, die Menschen mit Schwerhörigkeit angeboten werden mit dem Ziel, die Versorgung mit Hörgeräten zu vermeiden, bzw. hinauszuzögern. Hier wäre ich äußerst skeptisch, denn ich denke man läuft hier Gefahr, eher zu lange zu warten und dann die in “Warum sind meine Hörgeräte so laut?” beschriebenen Nachteile erleidet. Andersrum könnte ich mir allerdings auch vorstellen, dass ein Hörtraining mit Trainingshörgerät Menschen, die sonst keins tragen wollen davon überzeugt, dann doch eins zu kaufen.
Manchmal kommt die Frage auf, ob Hörtrainings auch für Leute Sinn machen, die noch gar nicht schwerhörig sind und sich damit auch noch nicht für Hörgeräte “qualifiziert” haben. Grundsätzlich spricht nie etwas gegen Gehirntraining, aber es gibt folgendes zu bedenken. Die meisten Hörtrainings, die momentan auf dem Markt sind, arbeiten mit Trainingshörgeräten oder Trainingshörgeräteprogrammen (wenn schon Hörgeräte vorhanden sind).Wenn man diese auch bei Menschen anwendet, die ansonsten keine Hörgeräte brauchen, dann nur um die Neuroplastizität (also das Verändern des Gehirns) anzuregen. Allerdings wäre es in solchen Fällen wichtig abzuklären, warum du das Gefühl hast, dein Hören verbessern zu müssen, wenn gar keine Schwerhörigkeit vorliegt.
Aber nun zurück zur Hauptzielgruppe von Hörtrainings: Menschen mit Hörgeräten. Hörtrainings erfordern wie beim Fitnesstraining deine Mitarbeit und deinen Einsatz. Du solltest also gewillt sein, diesen Einsatz (was Zeit und Energie angeht) auch zu leisten.
Hörtrainings trainieren das Gehirn. Das wird beschwerlicher, je älter wir werden. Aber auch in hohem Alter können hier noch gute Ergebnisse erzielt werden. Das Zauberwort heißt Neuroplastizität: die Fähigkeit unseres Gehirns, sich immer wieder um zu bauen, neue Strukturen zu schaffen und damit Neues zu lernen. Lass dich also nicht davon abhalten, ein Hörtraining zu machen, weil du dich für zu alt hältst. Im Gegenteil kann ein Hörtraining wie jedes Gehirnjogging dabei helfen, dich kognitiv fit zu halten.
Wo stoßen Hörtrainings an ihre Grenzen? Für wen sind sie nicht geeignet?
Hörtrainings heilen keinen Hörverlust im Sinne, dass man dann keine Hörgeräte mehr braucht. So schön das wäre – man kann einen Hörverlust nicht weg trainieren. Hörtraining ist eine Möglichkeit, aus seinem Gehör in Kombination mit einem Hörgerät mehr rauszuholen.
Hörtraining trainiert das Gehirn. Das geht wie gesagt auch ins hohe Alter, wenn man kognitiv fit ist. Das heißt aber wiederum, dass ein Hörtraining bei Menschen mit bereits stark eingeschränkten kognitiven Eigenschaften, zum Beispiel fortschreitender Demenz, vermutlich nicht mehr viel bringen wird. Bei einsetzender Demenz spricht viel dafür, dass ein Hörtraining ähnlich wie andere Gehirntrainings den kognitiven Verfall abschwächen kann. Bei der Durchführung des Trainings brauchen diese Menschen allerdings vermutlich Unterstützung beim Bedienen der technischen Hilfsmittel.
Für Menschen mit hochgradiger Schwerhörigkeit. Hörtrainings bringen am meisten bei Hörverlust bis zum mittelgradigen Bereich. Darüber kann es zwar auch noch Wirkung zeigen, aber eben weniger. Dennoch kann auch eine geringere Verbesserung in den richtigen Situationen noch sehr hilfreich sein. Ein seriöser Trainingsanbieter wird dir beim ersten Gespräch mit einem Hörtest eine Einschätzung geben können, wie viel Verbesserung du potentiell erwarten kannst. Hier ist dann oft die beste Lösung über ein Hörtraining zumindest noch eine Teilverbesserung zu erreichen und in Kombination mit Hörgeräten, die selbst noch viel filtern und unterstützen, ein insgesamt gutes Ergebnis zu erreichen.
Wann sollte man ein Hörtraining machen?
Grundsätzlich kannst du jederzeit ein Hörtraining machen. Es macht allerdings besonders Sinn, eins zu machen, wenn du sowieso vorhast, bald (neue) Hörgeräte zu kaufen. Durch das Training bringst du zuerst dein Gehirn auf Trab und hast gleichzeitig die Gelegenheit, über längere Zeit in die Hörgeräte hineinzuhören. Am Ende des Hörtrainings können du und deine Akustikerin abschätzen, wie viel dein Gehirn jetzt kann und wie viel das Hörgerät überhaupt noch dazu beitragen muss. Das kann unter Umständen dazu führen, dass du ein günstigeres Hörgerät kaufen kannst, weil dein Gehirn mehr zum Hören beisteuern kann als vorher. Aus diesem Grund bieten viele Hörgeräteakustiker ein Hörtraining in Kombination mit einer Hörgeräteversorgung an. Bei so manchem Angebot wird dir beim Preis des Hörtrainings entgegengekommen, wenn du das Hörgerät dann auch bei diesem Akustiker kaufst.
Das ganze macht insbesondere Sinn, wenn du zwar schon schwerhörig bist, aber noch gar keine Hörgeräte hast, also beim Kauf deiner allerersten Hörgeräte. Viele Menschen, die zum ersten Mal Hörgeräte kaufen, werden nach dem Kauf relativ allein in die Welt geschickt, sind oft erstmal überfordert und lassen ihre Hörgeräte dann doch eher in der Schublade. Ein Hörtraining hat den Vorteil, dass du bei deinem Weg zum Hörgerät begleitet wirst und nicht einfach ins “kalte Wasser” dieser lauten Welt entlassen wirst. So haben Hörtrainings den positiven Effekt, dass wenn du mit ihnen Hörgeräte erwirbst, du diese mit großer Wahrscheinlichkeit auch nutzen wirst.
Wie oft sollte man ein Hörtraining machen?
Hörtrainings machen immer Sinn, wenn dein Gehirn schon lange viele Geräusche nicht mehr gehört hat und damit vermutlich schon Strukturen abgebaut hat. Das ist besonders beim ersten Hörgerät oft der Fall, aber kann auch bei einem späteren Hörgerätekauf noch viel bringen. Wenn du danach immer schön regelmäßig zum Akustiker zur Kontrolle der Hörgeräteeinstellungen gehst und damit sicher stellst, dass diese perfekt zu deinem aktuellen Hörverlust passen, wirst du vermutlich auf Jahre kein neues Training mehr brauchen.
Sollte man dafür Urlaub nehmen?
Wie beim Fitnessprogramm braucht auch ein Hörtraining Zeit. Wenn du einen ansonsten sehr vollgepackten Terminkalender hast, könntest du auf die Idee kommen, für die Zeit des Trainings Urlaub zu nehmen. Ich hatte auch darüber nachgedacht, aber ich habe mich dagegen entschieden. Ich habe es allerdings dahingehend priorisiert, dass ich mir wirklich für zwei Wochen eine Stunde am Tag freigeschaufelt habe und dafür andere Sachen nicht gemacht habe.
Der Punkt ist (zumindest bei einigen) neben den Hörübungen und Aufgaben auch, dass man die Trainingshörgeräte oder Trainingshörgeräteprogramme auch außerhalb dieser reinen Übungszeit trägt. Das trainiert das Gehirn nochmal mehr als nur bei den Übungen. Das heißt aber auch, dass man die unter Umständen akustisch anstrengenden ersten Tage mit den neuen Einstellungen durch seinen normalen Alltag nutzen muss. Das kann natürlich dein normales Stresslevel nochmal erhöhen. Andererseits ist es wichtig, in dieser Phase auch möglichst viele realistische Alltagssituationen zu erleben. Das heißt eben genau auch, in der Zeit mal in ein lautes Restaurant zu gehen oder einer Veranstaltung mit vielen Menschen auf der Arbeit beizuwohnen. Ich habe mir damals fürs Hörtraining zwei Wochen herausgesucht, wo ich zwar schon einiges gemacht habe, aber eben auch nicht Wochen, die auch ohne Hörtraining schon super stressig gewesen wären.
Verschlechtert man dadurch sein Gehör?
Unser Gehör kann unter anderem durch zu lange, zu laute Beschallung Schaden nehmen. Hierbei wird oft eine Grenze von 85 dB über 8 Stunden genannt (Quelle: CDC), die man auf Dauer nicht überschreiten soll. Wenn sich solche Situationen nicht vermeiden lassen, sollte man Gehörschutz benutzen.
Wenn man nun aber schon einen Hörverlust hat, der in manchen Frequenzen über 85 dB liegt, dann müssen Hörgeräte ja so eingestellt werden, dass alles, was sie übertragen, über 85 dB laut ist, damit man überhaupt noch was auf diesen Frequenzen hört. Das gilt allgemein für Einstellungen von Hörgeräten, aber insbesondere für Hörgeräteprogramme, die bei Hörtrainings verwendet werden, da hier ja besonders drauf geachtet wird dass sie so eingestellt sind, dass man möglichst alle Frequenzen wieder wahrnimmt.
Daher ist es eine berechtigte Frage, ob man mit sehr sensibel eingestellten Hörgeräten, die man dann ja idealerweise mehr als 8 Stunden am Tag trägt, sein Gehör noch mehr schädigt und somit eher eine Abwärts- als eine Aufwärtsspirale in Gang setzt.
Transparenzhinweis: Ich habe selbst ein Hörtraining der Firma terzo gemacht. Dieses habe ich selbst bezahlt. terzo ist ein Teil des Netzwerkes Hörgesundheit, einer Einkaufsgemeinschaft von Hörgeräteakustikern, welche ein Augenmerk auf die Hörgesundheit setzen und deshalb auch Hörtrainings anbieten. Im Rahmen meines Engagements für den Tag der Hörgesundheit 2025 habe ich mit Ihnen zusammengearbeitet. Für diesen Artikel hat mir terzo hier und da mit Informationen geliefert, besonders was die wissenschaftlichen Grundlagen angeht.
Für diese Artikelserie habe ich mehrere Wochen recherchiert und das Hörtraining auf eigene Kosten selbst gemacht. Wenn du diesen Artikel hilfreich fandest, freue ich mich, wenn du mich unterstützt.