Mein imaginärer Freund, der Tinnitus

Seit Anfang 2022 schreibe ich als freie Autorin für das Dezibel. Dieser Artikel ist ursprünglich in der Dezibel Ausgabe 2023 Nr. 4 erschienen. Dezibel ist die Mitgliederzeitschrift von Pro Audito, der führenden Anlaufstelle für die 1,3 Millionen Menschen mit Schwerhörigkeit in der Schweiz, http://www.pro-audito.ch.

Vor 15 Jahren bekam ich meinen Tinnitus – eine Kakophonie aus hohen Fiep-Tönen. Ich versuchte alles, um ihn wieder loszuwerden. Ich ging zu Ärzten, bekam Kortison, einen MRT und vieles mehr. Einmal landete ich in der Notaufnahme, weil der Tinnitus sprunghaft lauter geworden war. Dort ließen sie mich stundenlang warten, nur um mir wieder Kortison zu geben – ohne Erfolg. Irgendwann hatte ich alle Ärzte besucht, alle wissenschaftlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, monatelang Therapiemöglichkeiten ausprobiert – und war keinen Schritt weiter. Meine größte Erkenntnis war, dass wir Menschen zwar zum Mond fliegen, aber keinen Tinnitus heilen können.

Ich war frustriert. Ich fluchte über meinen Tinnitus. Ich schrie ihn an, ich versuchte ihn mit Heavy Metal Musik zu übertönen, oder ihn ganz hart wegzudenken. Er war immer da und er quatschte ununterbrochen in meine Gedanken hinein. Er ließ sich nicht vertreiben, auch nicht mit guten Argumenten. Er gab immer Widerworte und hatte den längeren Atem.

In dieser Zeit wurde ich auch schwerhörig. Wie viele Schwerhörige hatte ich den Hörverlust in den Frequenzen, in denen sich mein Tinnitus austobt. Ich stelle mir vor, dass meine kaputten Haarzellen im Innenohr sich beim Sterben nochmal aufbäumen und einen letzten sehr langen Schmerzensschrei ausstoßen – meinen Tinnitus. Im Gegensatz zum Tinnitus konnte mir bei der Schwerhörigkeit besser geholfen werden. Ich bekam Hörgeräte. Auch diese Reise war nicht einfach, aber Ärzte bezeichnen meine Schwerhörigkeit als “gut versorgt“.

In dieser Zeit schaute ich zufällig den Film “A beautiful Mind”. Spoiler-Warnung: wer den Film noch nicht kennt und dessen Überraschungen genießen möchte, der sollte hier vorerst nicht weiterlesen!

Dieser handelt von einem brillianten Mathematiker namens John Nash. Nash ist schizophren und sieht Menschen, die nicht da sind. Ich bin weder eine brilliante Mathematikerin, noch sehe ich Menschen, die nicht da sind. Aber ich hatte beim Schauen des Films eine Erkenntnis über mich und meinen Tinnitus. Im Film streitet sich Nash mit seinen imaginären Mitmenschen genauso wie ich mit meinem Tinnitus. Er schreit sie an, er diskutiert mit ihnen und dennoch lassen sie sich nicht vertreiben. Bis zum Ende des Films wird Nash nicht von diesem Symptom seiner Krankheit befreit. Stattdessen lernt er mit seinen imaginären Mitmenschen umzugehen, indem er sie höflich ignoriert. Er nickt ihm morgens freundlich zu, aber ansonsten interagiert er nicht mit ihnen. Er schenkt ihnen keine Aufmerksamkeit. Er sieht sie noch, aber lässt sie unbeachtet in der Ecke stehen. Das habe ich auch mit meinem Tinnitus gelernt.

Mein Tinnitus ist immer noch so laut und so schrill wie zu Beginn. Aber ich habe gelernt, ihn zu ignorieren. Geholfen haben dabei meine Hörgeräte. Sie verstärken die Geräusche meiner Umgebung und dadurch treten die Geräusche meines Gehirns in den Hintergrund. Seither streite ich nicht mehr mit meinem Tinnitus. Stattdessen fokussiere ich mich auf das, was meine echten Sinne mir mitteilen. So kann ich das Leben wieder genießen, anstatt es von meinem Tinnitus bestimmen zu lassen.

Nur abends, wenn ich mich ohne Hörgeräte ins Bett lege, nehme ich ihn nochmal kurz wahr. Ich nicke ich dann höflich zu und kuschel mich in die Kissen.

3 Gedanken zu „Mein imaginärer Freund, der Tinnitus

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich habe meinen Tinnitus seit 20 Jahren. Ich habe genau das Gleiche durchgemacht, wie Du. Eine Psychologin sagte mir dann, dass ich damit leben muss und er nach so langer Zeit nicht mehr weggeht. Oft ist er nicht da. Wenn ich an ihn denke, ist er sehr laut (jetzt zum Bsp.) und ich habe akzeptiert, dass es nie wieder ruhig in meinem Kopf sein wird. Manchmal rede ich mit ihm 🙂 .
    Lg. Sabine R.

  2. Da hast du mir fast meine eigene Tinnitus-Geschichte erzählt. Durch ein Knalltrauma Ende der 80er Jahre bin ich in den Genuss dieser unerwünschten Geräusche gekommen. Ich erspare mir die Aufzählung aller meiner Therapien, angefangen bei Tabletten über Infusionen bis hin zur Physiotherapie. Alles erfolglos und deshalb nur deprimierend. Erst als ich beschloss, damit zu leben, versc hwand er nach kurzer Zeit. Das ist nun rund 30 Jahre her und seither hat „Freund Tini“ mich immer mal wieder besucht. Ich habe ihn dann einfach ignoriert und – siehe da – er hat sich jedesmal wohl beleidigt davongemacht.
    Und genau diese Empfehlung möchte ich allen ähnlich Leidgeprüften weitertgeben. Beaschäftigt euch weder körperlich noch geistig mit diesem Quälgeist. Er freut sich nur darüber, dermaßen wichtig genommen zu werden und bleibt um so lieber bei euch. Lenkt euch von ihm ab und ignoriert ihn. Nur das kann zu einer Befreiung führen.

  3. Interessanter Artikel,
    ein Leben ohne Tinnitus daran erinnere ich mich schon gar nicht mehr. Beide Ohren erfreuen sich dem und regelmäige Hörstürze (welch ein falscher Begriff) führen manchmal zu Verstärkungen.
    Wie ich feststellte ist mein Rauschen aber ein reines A. So kann ich beispielsweise die Gitarre mittels des Tinnitus tatsächlich stimmen.
    Mein Tinnitus behandle ich wie die Autobahn oder die Straßenbahnlinie, ein Geräusch, das zum Alltag gehört und somit höre ich es weg.
    Nur wie oben berichtet, im Stillen beispielsweise nachts oder wenn ich darüber spreche oder schreibe, dann ist er präsenter.
    Doch mit ihm zu leben ganz bewusst, hat mir das Leben sehr erleichtert.
    Ein Bekannter hat einen Tinnitus E“ also sehr hoch, von ihm habe ich das mit dem Stimmen. Wenn es zu nervig war nachts, dann ging er zur Geige, stimmte sie und spielte.
    Mit den Tinnitas leben ist aus meiner Sicht der einfachste Weg, wenn er begehbar ist.

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