Muskelkater im Hirn – Teil 1: Besser Hören durch Hörtraining

Dieser Artikel ist der erste Teil einer Serie zum Thema Hörtrainings. Drei weitere Teile folgen in den nächsten Wochen.

Januar diesen Jahres. Mein Kollege Harald hat sich vorgenommen, etwas an seiner Fitness zu tun. Es nervte ihn, dass er nicht mehr überall mithalten konnte und der Bauchspeck war auch nicht zu übersehen. Also hat er sich ein Mountainbike gekauft, um nun die Berge rauf und runter zu flitzen. Dabei war er auch nicht geizig, sein Mountainbike war richtig teuer und kam mit allerlei coolen Eigenschaften und neustem Schnickschnack. Dann ist er dreimal damit in den Bergen gewesen. Dabei hat er festgestellt, dass das doch ganz schön anstrengend ist und ordentlich Muskelkater gibt. Seither fährt er sein Mountainbike nur noch morgens ins Dorf, wenn er beim Bäcker Brötchen holt und am Wochenende vielleicht mal durch den Park auf asphaltierten Wegen. Manchmal lässt er es auch wochenlang ungenutzt in der Garage stehen. Jetzt wundert er sich, dass er nicht fitter wird und der Bauchspeck eher mehr als weniger wird.

Ein Mountainbike an einen Baum gelehnt. Es liegt Schnee. Etwas daneben liegt ein Rucksack.
Foto von Stan Jacobs auf Unsplash

So wie Harald mit seiner Fitness und seinem Mountainbike umgeht, gehen viele schwerhörige Menschen mit ihrer Hörgesundheit und ihren Hörgeräten um.

Was meine ich damit genau? Viele Menschen erwarten, dass wenn sie ein Hörgerät kaufen, ihr Hörproblem sofort gelöst ist. Dabei investieren sie vielleicht sogar in richtig technisch hochwertige Hörgeräte, weil sie ähnlich wie Harald denken, dass sie sich damit etwas besonders Gutes tun. Aber egal wie teuer das Hörgerät war, es ist nur der erste Schritt zum guten Hören, ähnlich wie das Mountainbike nur der erste Schritt zu mehr Fitness ist.

Der größere und anstrengende Teil ist, sein Gehirn daran zu gewöhnen, mit den nun neu einströmenden Audiosignalen klarzukommen. Wenn man ein neues Hörgerät hat, ist es auf einmal richtig anstrengend, die Flut an (wieder) neuen Geräuschinformationen zu verarbeiten. Ähnlich einem Muskel, der lange nicht bewegt wurde, reagiert unser Gehirn erstmal mit Überforderung. Es ist unfassbar anstrengend, macht uns müde und verursacht vielleicht sogar Kopfschmerzen. Was wir dann haben, ist Muskelkater im Hirn.

Leider machen viele Menschen mit Schwerhörigkeit dann genau den gleichen Fehler, den Harald gemacht hat. Sie gehen zum Akustiker und lassen sich die Hörgeräte leiser stellen, so dass es nicht mehr nervt. Oder sie geben ganz auf und lassen die Hörgeräte in der Schublade liegen. Und ähnlich wie Harald wundern sie sich dann, dass es nicht ausreicht, um wieder gut zu hören. Und dann schieben sie es allein auf die Hörgeräte.

Was Harald vielleicht geholfen hätte, wäre ein Personal Trainer, der ihn drei Wochen lang jeden Morgen eine Stunde die Berge hoch und runter scheucht. Der ihn motiviert, nach der Stunde auch nicht gleich aufzuhören, sondern dass Mountainbike zu jeder noch so kleinen Gelegenheit und vor allem auch in schwierigen Gelände zu fahren. Nach drei Wochen wäre es Harald vermutlich auch nicht mehr anstrengend vorgekommen, der Muskelkater hätte sich verzogen und der Bauchspeck wäre vielleicht auch weniger geworden.

Doch was ist das Äquivalent zum Personal Trainer in Bezug aufs Hören? Gibt es das überhaupt? Ja, das gibt es. Es nennt sich Hörtraining.

Hörtrainings sind Programme, die dich als Mensch mit Schwerhörigkeit strukturiert anleiten, dein Gehör, bzw. dein Gehirn, zu trainieren, um wieder möglichst gut zu hören. Auch wenn es schon diverse wissenschaftliche Studien dazu gibt, dass Hörtrainings wirksam sein können, sind Hörtrainings leider bisher kein Bestandteil einer Hörgeräteversorgung (anders als bei Cochlea-Implantaten). Das heißt, dass die Kosten eines Hörtrainings bislang leider nicht von den Krankenkassen übernommen werden. Dennoch möchte ich dir und jedem Menschen mit Schwerhörigkeit ans Herz legen, ob es nicht etwas ist, was du dir und deiner Gesundheit gönnen möchtest, wenn es dir finanziell möglich ist.

Da das Gebiet der Hörtrainings für Hörgeräteträger noch relativ jung ist, gibt es bisher nur eine überschaubare Anzahl Anbieter. Diese verfolgen das Ziel mit unterschiedlichen Methoden, so dass es dir als Kunde vielleicht etwas schwer fällt zu beurteilen, welche denn die beste Methode für dich ist. Da die Branche so jung ist, gibt es noch keine flächendeckenden Erfahrungswerte oder gar erschöpfende wissenschaftliche Studien, um genau zu sagen, welche Methoden am besten funktionieren.

Dies war der erste Teil meiner Serie zum Thema Hörtrainings. In den nächsten Teilen gehe ich mehr ins Detail darüber, für wen und wann Hörtrainings sinnvoll sind, was man damit erreichen kann, wo die Grenzen sind, und welche verschiedenen Methoden und Anbieter es gibt. Im letzten Teil beschreibe ich meine eigenen Erfahrungen mit einem Hörtraining im Detail.

Transparenzhinweis: Ich habe selbst ein Hörtraining der Firma terzo gemacht. Dieses habe ich selbst bezahlt. terzo ist ein Teil des Netzwerkes Hörgesundheit, einer Einkaufsgemeinschaft von Hörgeräteakustikern, welche ein Augenmerk auf die Hörgesundheit setzen und deshalb auch Hörtrainings anbieten. Im Rahmen meines Engagements für den Tag der Hörgesundheit 2025 habe ich mit Ihnen zusammengearbeitet. Für diesen Artikel hat mir terzo hier und da mit Informationen geliefert, besonders was die wissenschaftlichen Grundlagen angeht.

Für diese Artikelserie habe ich mehrere Wochen recherchiert und das Hörtraining auf eigene Kosten selbst gemacht. Wenn du diesen Artikel hilfreich fandest, freue ich mich, wenn du mich unterstützt.

6 Gedanken zu „Muskelkater im Hirn – Teil 1: Besser Hören durch Hörtraining

  1. Liebe Helga,
    Ich schreibe dir, aber in einem anderen Thema:
    Bin jetzt seit 1 Jahr mit Hörgerät. Habe seit 14 Tagen das Zusatzgerät (Widex) am Fernseher und glücklich diesen nuschelnden Haufen doch besser zu verstehen. Nun war ich gestern im Kino. „HALMET“, vorgeschlagen für 8 Oskars. Die deutsche Syncronisation ist miserabel. Ich habe nur 60 % von dem Film verstanden. Die Hauptdarstellerin „zischt“ und das auch noch leise.
    Dieser Film ist nicht zu emfehlen!!

  2. Ich gebe zu, ein Hörtraining habe ich noch nicht absolviert. Und in meinem Fall – so fürchte ich – würde mir das auch gar nichts bringen.

    Tatsache ist nämlich folgendes:
    2014 bekam ich mein erstes Hörgerät. Und tatsächlich, ich musste mich an viele Geräusche erst einmal wieder gewöhnen, die ich zuvor wohl unbemerkt nicht mehr wahrnehmen konnte. Da waren Zeitungsrascheln, der Blinker meines Autos, das Rauschen den Wasserhahns usw. usw.. Gleichzeitig aber verstand ich auch meine Mitmenschen wieder besser, vor allem in lauter Umgebung (Straßenverkehr, Restaurant, Party). Auch Musik-hören machte mir wieder richtig Spaß, nachdem die hohen Töne nicht mehr ins Nirwana verschwanden. So war ich also rundum zufrieden, bis zu dem Tag – ca. 6 Jahre später – als ein Defekt meines Hörgerätes wegen eines nicht mehr erhältlichen Ersatzteils nicht mehr repariert werden konnte.

    Also ein neues Hörgerät. Ich bekam es und damit begann der Ärger und meine Unzufriedenheit. Mit dem neuen hatte ich massiv Probleme beim Sprach-Verstehen meiner Mitmenschen, insbesondere von Frauen und Kindern. Grell und verzerrt klangen ihre Stimmen. Gleiches auch beim Fernsehen. Nachrichten, Talkshows u. ä. konnte ich einigermaßen folgen. Aber bei Spielfilmen war ich mehr oder weniger auf die Untertitelung angewiesen. Und Musik? Eine einzige Katastrophe! Verzerrt und völlig unnatürlich klang sie in meinen Ohren. Trotz unzähliger Besuche bei meinem Akkustiker, wo dieser ständig neue Einstellungen programmierte, verbessert sich das alles nicht. Selbst die Hinzuziehung einer Fachberaterin des Herstellers (Widex) brachte keinen Erfolg. UND DAS BIS HEUTE, 6 JAHRE SPÄTER, OBWOHL ICH DIE GERÄTE STÄNDIG TRAGE, ALSO AUCH WENN ICH ALLEINE BIN UND SIE EIGENTLICH NICHT BRÄUCHTE. Deshalb frage ich mich, ob mir da wohl ein Hörtrainig was brächte? Denn nochmals, Tatsache ist, mit meinem alten Hörgerät hatte ich keine Probleme, mit meinem jetzigen habe ich nur noch Probleme. Was ich tun werde, ist, mir jetzt nach Ablauf der 6-Jahres-Wartefrist zur Versicherungsleistung wieder ein neues Hörgerät zu kaufen. Auch wenn mein jetziges technisch noch voll in Ordnung ist und ich wieder eine Selbstbeteiligung von 2000 – 3000 € tragen muss.

      • Natürlich warteich auf den nächsten Teil der Serie „Hörtraining“. Bin gespannt und freu mich darauf. Aber ein solches Hörtraining für mich? Ich trainiere doch schon seit 6 Jahren ununterbrochen.

  3. Hallo, ich bin Hörakustikmeister und Audiotherapeut (EUHA). Hörtrainings in der Hörakustik sind nicht jung. Das gibt es schon seit über 15 Jahren. Ich selbst hatte einige ausprobiert und in meine Anpassungen integriert. Außerdem habe ich an einem Studie eines der großen Herstellers mit einem amerikanischen Anbieter einer App mitgewirkt, bei derer die Hörgeräteträger im Anpassprozess über spielerische Hörtrainings direkt über die angepassten Hörsysteme gestreamt, tägliche Übungen machen sollten.
    Das Fazit: Der Anpassprozess konnte durch dieses auf wissenschaftlicher Evidenz basierende Hörtraining nicht verkürzt werden. Der Hersteller hat die Intergration eines Hörtrainings in die Anpassung nicht weiter verfolgt. Diese Erfahrung machte ich leider auch mit allen weiteren Hörtraining, die über Apps, kleine Computer etc. laufen. In wenigen Einzelfällen funktionierte es wohlmöglich, aber in den allermeisten Fällen, stand mein Mehraufwand und der des Kunden nicht im Verhältnis zum Nutzen. Heute biete ich keine Hörtrainings mehr aktiv an. Wenn Kunden sich für ein Hörtraining entscheiden, dann empfehle ich das von Frau Verheyen. Dieses mit seinen auf Alltagssituationen basierten Übungen ist meiner Erfahrung nach das einzige Hörtraining, dass nicht zu mehr enttäuschten oder überforderten Kunden, als zufriedenen Kunden führt.
    Einige Hörakustiker nutzen das Thema Hörtraining leider auch bloß als Marketingtool (z.B. für weibliche Kunden) ohne auf mehrfache Nachfrage die Studien vorzeigen zu können auf die sie sich dabei berufen. Mit solchen unseriösen Praktiken möchte ich nicht Verbindung gebracht werden.

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