Dieser Artikel ist der erste Teil einer Serie zum Thema Hörtrainings. Drei weitere Teile folgen in den nächsten Wochen.
Januar diesen Jahres. Mein Kollege Harald hat sich vorgenommen, etwas an seiner Fitness zu tun. Es nervte ihn, dass er nicht mehr überall mithalten konnte und der Bauchspeck war auch nicht zu übersehen. Also hat er sich ein Mountainbike gekauft, um nun die Berge rauf und runter zu flitzen. Dabei war er auch nicht geizig, sein Mountainbike war richtig teuer und kam mit allerlei coolen Eigenschaften und neustem Schnickschnack. Dann ist er dreimal damit in den Bergen gewesen. Dabei hat er festgestellt, dass das doch ganz schön anstrengend ist und ordentlich Muskelkater gibt. Seither fährt er sein Mountainbike nur noch morgens ins Dorf, wenn er beim Bäcker Brötchen holt und am Wochenende vielleicht mal durch den Park auf asphaltierten Wegen. Manchmal lässt er es auch wochenlang ungenutzt in der Garage stehen. Jetzt wundert er sich, dass er nicht fitter wird und der Bauchspeck eher mehr als weniger wird.

So wie Harald mit seiner Fitness und seinem Mountainbike umgeht, gehen viele schwerhörige Menschen mit ihrer Hörgesundheit und ihren Hörgeräten um.
Was meine ich damit genau? Viele Menschen erwarten, dass wenn sie ein Hörgerät kaufen, ihr Hörproblem sofort gelöst ist. Dabei investieren sie vielleicht sogar in richtig technisch hochwertige Hörgeräte, weil sie ähnlich wie Harald denken, dass sie sich damit etwas besonders Gutes tun. Aber egal wie teuer das Hörgerät war, es ist nur der erste Schritt zum guten Hören, ähnlich wie das Mountainbike nur der erste Schritt zu mehr Fitness ist.
Der größere und anstrengende Teil ist, sein Gehirn daran zu gewöhnen, mit den nun neu einströmenden Audiosignalen klarzukommen. Wenn man ein neues Hörgerät hat, ist es auf einmal richtig anstrengend, die Flut an (wieder) neuen Geräuschinformationen zu verarbeiten. Ähnlich einem Muskel, der lange nicht bewegt wurde, reagiert unser Gehirn erstmal mit Überforderung. Es ist unfassbar anstrengend, macht uns müde und verursacht vielleicht sogar Kopfschmerzen. Was wir dann haben, ist Muskelkater im Hirn.
Leider machen viele Menschen mit Schwerhörigkeit dann genau den gleichen Fehler, den Harald gemacht hat. Sie gehen zum Akustiker und lassen sich die Hörgeräte leiser stellen, so dass es nicht mehr nervt. Oder sie geben ganz auf und lassen die Hörgeräte in der Schublade liegen. Und ähnlich wie Harald wundern sie sich dann, dass es nicht ausreicht, um wieder gut zu hören. Und dann schieben sie es allein auf die Hörgeräte.
Was Harald vielleicht geholfen hätte, wäre ein Personal Trainer, der ihn drei Wochen lang jeden Morgen eine Stunde die Berge hoch und runter scheucht. Der ihn motiviert, nach der Stunde auch nicht gleich aufzuhören, sondern dass Mountainbike zu jeder noch so kleinen Gelegenheit und vor allem auch in schwierigen Gelände zu fahren. Nach drei Wochen wäre es Harald vermutlich auch nicht mehr anstrengend vorgekommen, der Muskelkater hätte sich verzogen und der Bauchspeck wäre vielleicht auch weniger geworden.
Doch was ist das Äquivalent zum Personal Trainer in Bezug aufs Hören? Gibt es das überhaupt? Ja, das gibt es. Es nennt sich Hörtraining.
Hörtrainings sind Programme, die dich als Mensch mit Schwerhörigkeit strukturiert anleiten, dein Gehör, bzw. dein Gehirn, zu trainieren, um wieder möglichst gut zu hören. Auch wenn es schon diverse wissenschaftliche Studien dazu gibt, dass Hörtrainings wirksam sein können, sind Hörtrainings leider bisher kein Bestandteil einer Hörgeräteversorgung (anders als bei Cochlea-Implantaten). Das heißt, dass die Kosten eines Hörtrainings bislang leider nicht von den Krankenkassen übernommen werden. Dennoch möchte ich dir und jedem Menschen mit Schwerhörigkeit ans Herz legen, ob es nicht etwas ist, was du dir und deiner Gesundheit gönnen möchtest, wenn es dir finanziell möglich ist.
Da das Gebiet der Hörtrainings für Hörgeräteträger noch relativ jung ist, gibt es bisher nur eine überschaubare Anzahl Anbieter. Diese verfolgen das Ziel mit unterschiedlichen Methoden, so dass es dir als Kunde vielleicht etwas schwer fällt zu beurteilen, welche denn die beste Methode für dich ist. Da die Branche so jung ist, gibt es noch keine flächendeckenden Erfahrungswerte oder gar erschöpfende wissenschaftliche Studien, um genau zu sagen, welche Methoden am besten funktionieren.
Dies war der erste Teil meiner Serie zum Thema Hörtrainings. In den nächsten Teilen gehe ich mehr ins Detail darüber, für wen und wann Hörtrainings sinnvoll sind, was man damit erreichen kann, wo die Grenzen sind, und welche verschiedenen Methoden und Anbieter es gibt. Im letzten Teil beschreibe ich meine eigenen Erfahrungen mit einem Hörtraining im Detail.
Transparenzhinweis: Ich habe selbst ein Hörtraining der Firma terzo gemacht. Dieses habe ich selbst bezahlt. terzo ist ein Teil des Netzwerkes Hörgesundheit, einer Einkaufsgemeinschaft von Hörgeräteakustikern, welche ein Augenmerk auf die Hörgesundheit setzen und deshalb auch Hörtrainings anbieten. Im Rahmen meines Engagements für den Tag der Hörgesundheit 2025 habe ich mit Ihnen zusammengearbeitet. Für diesen Artikel hat mir terzo hier und da mit Informationen geliefert, besonders was die wissenschaftlichen Grundlagen angeht.
Für diese Artikelserie habe ich mehrere Wochen recherchiert und das Hörtraining auf eigene Kosten selbst gemacht. Wenn du diesen Artikel hilfreich fandest, freue ich mich, wenn du mich unterstützt.