{"id":2868,"date":"2026-07-15T07:00:00","date_gmt":"2026-07-15T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/doofe-ohren.de\/?p=2868"},"modified":"2026-06-21T11:30:07","modified_gmt":"2026-06-21T11:30:07","slug":"die-lesebrille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/2026\/07\/15\/die-lesebrille\/","title":{"rendered":"Die Lesebrille"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es fing schleichend an. Ganz intuitiv hielt ich die Zeitschrift, zum lesen etwas weiter weg. Beim Lesen von Kleingedrucktem war es am einfachsten, \u00fcber den Rand meiner Brille zu schielen. Bei der Arbeit am Computer erwischte ich mich \u00f6fter dabei, die Tastenkombination zu dr\u00fccken, die alle Buchstaben etwas gr\u00f6\u00dfer macht. Nach ein paar Monaten beschlich mich das Gef\u00fchl, dass ich mal mit meinem Augenarzt sprechen sollte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"800\" src=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/getty-images-tAAdz8Q5xUk-unsplash_800x800.jpg\" alt=\"Eine Lesebrille auf einem aufgeschlagenen Buch liegend\" class=\"wp-image-2870\" srcset=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/getty-images-tAAdz8Q5xUk-unsplash_800x800.jpg 800w, https:\/\/doofe-ohren.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/getty-images-tAAdz8Q5xUk-unsplash_800x800-300x300.jpg 300w, https:\/\/doofe-ohren.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/getty-images-tAAdz8Q5xUk-unsplash_800x800-150x150.jpg 150w, https:\/\/doofe-ohren.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/getty-images-tAAdz8Q5xUk-unsplash_800x800-768x768.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto von <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/photos\/education-reading-book-library-concept-tAAdz8Q5xUk\">GettyImages<\/a> bei Unsplash<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cHerzlichen Gl\u00fcckwunsch, ihre Altersweitsicht geht los. In Ihrem Alter liegen Sie da voll im Schnitt,\u201d waren seine Worte. \u201cNa danke,\u201d dachte ich und ging mit dieser Erkenntnis erst einmal wieder nach Hause. Ich brauchte zwar noch keine Lesebrille, aber musste meine Fernbrille zum Lesen abnehmen. Im folgenden Jahr habe ich das auch gemacht, aber ich kam mir dabei zunehmend d\u00e4mlich vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich f\u00fcnfzehn war, war es f\u00fcr mich immer ein Zeichen von seniler Sturheit, dass sich alte Leute in Sachen Lesen eigentlich st\u00e4ndig zum Affen machen. Entweder weil sie versuchen, die Zeitung weiter von sich weg zu halten als ihre Arme lang sind oder weil sie \u00fcber den Brillenrand hinweg schielen oder weil sie die Brille abnehmen und nach 5 Minuten vergessen haben, wo sie sie hingelegt haben (Bonuspunkte f\u00fcr \u201chochgeschoben auf dem Kopf vergessen\u201d). Als mein 40j\u00e4hriges ich realisierte, dass ich gerade dabei war, genau so zu werden, machte ich einen weiteren Termin beim Arzt und holte mir ein Rezept f\u00fcr eine Gleitsichtbrille.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gegensatz zu meinen Augen lie\u00dfen mich meine Ohren schon viel fr\u00fcher im Stich. Mit Ende zwanzig bekam ich meine ersten H\u00f6rger\u00e4te. Ich habe sie nie als Zeichen von \u201cAlter\u201d wahrgenommen, denn daf\u00fcr war ich viel zu jung. Vielleicht, weil ich es eben nicht so empfand, habe ich es auch nicht vor mir hergeschoben, zum Arzt zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lange Zeit habe ich mich immer gewundert, warum so viele \u00e4ltere Leute zu lange warten, bis sie sich H\u00f6rger\u00e4te besorgen &#8211; oft sogar eine Dekade zu sp\u00e4t dran sind. Das Z\u00f6gern hat so viele Nachteile: H\u00f6rger\u00e4te klingen schriller und lauter, denn das Gehirn muss sich erst langsam wieder an die Ger\u00e4usche gew\u00f6hnen, die es so lange nicht geh\u00f6rt hat. Unversorgte Schwerh\u00f6rigkeit steht auch im Verdacht auf ein erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr Demenz. Und zu guter Letzt ist man schon 10 Jahre lang seiner Familie auf den Keks gegangen, weil sie alles dreimal wiederholen mussten. Mit Ende 20 wunderte ich mich, warum nicht jeder so schnell wie m\u00f6glich diese Probleme mit einem Hilfsmittel lindern m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun, da mich mit der Lesebrille eine Alterserscheinung im richtigen Alter erwischt hat, kann ich es etwas besser nachvollziehen. Der Anfang vom Alter ist kein willkommener Gast. Es ist okay zu betrauern, dass man alt wird. Dass man etwas, was man fr\u00fcher mit Leichtigkeit konnte, nun nur noch mit Hilfsmitteln kann. Und beim Trauern geht man durch viele Phasen, unter anderem auch die Verleugnung \u201cDie nuscheln einfach nur zu viel! \/ Die drucken das einfach viel zu klein!\u201d. Dennoch, sowohl bei der Lesebrille als auch bei den H\u00f6rger\u00e4ten, ist es von Vorteil, z\u00fcgig bei der Phase \u201cAkzeptanz\u201d anzukommen. Das ist am besten f\u00fcr unsere Gesundheit und vermeidet, dass uns F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige f\u00fcr senile Sturk\u00f6pfe halten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Seit Anfang 2022 schreibe ich als freie Autorin f\u00fcr das Dezibel. Dieser Artikel ist urspr\u00fcnglich in der Dezibel Ausgabe 2026 Nr. 2 erschienen. Dezibel ist die Mitgliederzeitschrift von Pro Audito, der f\u00fchrenden Anlaufstelle f\u00fcr die 1,3 Millionen Menschen mit Schwerh\u00f6rigkeit in der Schweiz,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.pro-audito.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">http:\/\/www.pro-audito.ch<\/a><\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es fing schleichend an. Ganz intuitiv hielt ich die Zeitschrift, zum lesen etwas weiter weg. Beim Lesen von Kleingedrucktem war es am einfachsten, \u00fcber den Rand meiner Brille zu schielen. 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