{"id":2842,"date":"2026-02-22T07:00:00","date_gmt":"2026-02-22T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/doofe-ohren.de\/?p=2842"},"modified":"2026-02-23T09:47:07","modified_gmt":"2026-02-23T09:47:07","slug":"muskelkater-im-hirn-teil-4-der-erfahrungsbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/2026\/02\/22\/muskelkater-im-hirn-teil-4-der-erfahrungsbericht\/","title":{"rendered":"Muskelkater im Hirn &#8211; Teil 4: Der Erfahrungsbericht"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Artikel ist Teil einer Serie \u00fcber H\u00f6rtrainings. Die vorherigen Teile findet ihr hier: Teil 1: <a href=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/2026\/02\/01\/muskelkater-im-hirn-teil-1-besser-hoeren-durch-hoertraining\/\">Besser H\u00f6ren durch H\u00f6rtrainings<\/a>, Teil 2: <a href=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/2026\/02\/08\/muskelkater-im-hirn-teil-2-chancen-und-grenzen-von-hoertrainings\/\">Chancen und Grenzen von H\u00f6rtrainings<\/a> und Teil 3: <a href=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/2026\/02\/15\/muskelkater-im-hirn-teil-3-der-markt-und-die-auswahlkriterien\/\">Der Markt und die Auswahlkriterien<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr kennt mich, ich schreibe am liebsten \u00fcber Dinge, die ich selbst ausprobiert habe. Und so auch hier.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle der Hinweis, dass ich nur einen Anbieter probiert habe. Es macht leider nicht viel Sinn mehr als einen zu nutzen, zumindest kann man die Ergebnisse dann nur sehr schlecht vergleichen. Man kann ja immer nur ein H\u00f6rtraining zur Zeit testen, um zu wissen, wie viel es gebracht hat. Da hat aber das erste H\u00f6rtraining, was man macht, vermutlich den meisten Erfolg. Wenn man damit sein Geh\u00f6r also schon fit gemacht hat, werden alle nachfolgenden Trainings &#8211; egal wie gut sie w\u00e4ren &#8211; nur noch wenig mehr verbessern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"753\" src=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/terzo_setup.m.jpg\" alt=\"Ein Bluetooth-Lautsprecher und ein Tablet mit der terzo-App.\" class=\"wp-image-2843\" srcset=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/terzo_setup.m.jpg 1000w, https:\/\/doofe-ohren.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/terzo_setup.m-300x226.jpg 300w, https:\/\/doofe-ohren.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/terzo_setup.m-768x578.jpg 768w, https:\/\/doofe-ohren.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/terzo_setup.m-398x300.jpg 398w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto: Doofe Ohren<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Meine Ausgangslage<\/h2>\n\n\n\n<p>Um meine Erfahrungen mit H\u00f6rtrainings einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, m\u00f6chte ich kurz meine Situation schildern, damit ihr versteht, wo ich herkam. Es kann sein, dass du in einer \u00e4hnlichen oder anderen Situation bist und daher bedenke immer, dass meine hier beschriebenen Erlebnisse, sich nicht eins zu eins auf dich \u00fcbertragen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin seit ca. 17 Jahren schwerh\u00f6rig und hatte zum Zeitpunkt des H\u00f6rtrainings Anfang 2025 meine 3. H\u00f6rger\u00e4te. Diese trug ich bereits 5 Jahre lang, bevor ich das H\u00f6rtraining machte. Meine Schwerh\u00f6rigkeit liegt vor allem in den hohen T\u00f6nen. Sie fing langsam an und ist \u00fcber die Jahre immer schwerer geworden und hat auch die mittleren T\u00f6ne in Mitleidenschaft gezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe in den letzten Jahren das Gl\u00fcck gehabt, mir immer hochwertige H\u00f6rger\u00e4te kaufen zu k\u00f6nnen. Aber auch mit solchen merkte ich, dass ich nicht in allen Situationen gut klar komme. Verschiedene Sprecher in lauten Situationen ausfindig zu machen f\u00e4llt mir schwer, sowie auch Richtungsh\u00f6ren. Auch empfinde ich H\u00f6ren als anstrengend und habe dementsprechend mit H\u00f6rstress zu k\u00e4mpfen. Als ich dann h\u00f6rte, dass man vielleicht mit einem H\u00f6rtraining noch etwas rausholen k\u00f6nnte, entschied ich mich, diese Chance zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Welcher Anbieter und warum?<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich habe mich f\u00fcr terzo als H\u00f6rtrainingsanbieter entschieden. Dabei waren mir folgende Dinge wichtig:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Es fundiert auf evidenzbasierten wissenschaftlichen Studien.<\/strong> Ich finde in der heutigen Zeit sollte man sehr wachsam sein, was einem gerade im Gesundheitsbereich angeboten wird. terzo hat mich hier \u00fcberzeugt wegen ihrer gro\u00dfen N\u00e4he zur aktuellen Forschung und weil sie unabh\u00e4ngig wissenschaftlich untersucht wurden (von der Charit\u00e9 Berlin). Unser Geh\u00f6r und unser Gehirn sind wichtige Teile unseres K\u00f6rpers, wir sollten wachsam sein, was wir mit ihnen machen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Man kann das Training zuhause machen.<\/strong> Ich wollte ein H\u00f6rtraining, was ich selbst allein zuhause machen kann. Wie vermutlich die meisten berufst\u00e4tigen Menschen mit Schwerh\u00f6rigkeit h\u00e4tte ich es mir nicht leisten k\u00f6nnen, daf\u00fcr oft irgendwo hinfahren zu m\u00fcssen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Es war zeitlich machbar. <\/strong>Das Training geht 2-3 Wochen, wobei ich f\u00fcr die t\u00e4glichen \u00dcbungen ca. 45-60 Minuten gebraucht habe. Das ist immer noch viel Zeit, aber f\u00fcr so einen begrenzten Zeitraum konnte ich mir diese Zeit freischaufeln.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Es war ein H\u00f6rtraining, bei dem ich wirklich mehr Signale auf die Ohren bekomme als vorher. <\/strong>Nur so macht es f\u00fcr mich Sinn, dass mein Gehirn trainiert wird, wenn es auch wirklich Reize bekommt, die es vorher nicht hatte \u2013 \u00e4hnlich wie bei Haralds Personal Fitnesstrainer.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Reize nicht nur w\u00e4hrend der \u00dcbungen. <\/strong>Das Interessante (aber auch anstrengendste) war, dass man die H\u00f6rger\u00e4te mit dem Trainingsprogramm nicht nur f\u00fcr die Zeit der eigentlichen \u00dcbungen tr\u00e4gt, sondern die gesamte Trainingszeit. Das halte ich f\u00fcr sehr sinnvoll, denn zum einen sind nat\u00fcrlich H\u00f6rtrainigs\u00fcbungen immer eine etwas k\u00fcnstliche Situation und ich will ja mein Gehirn f\u00fcr alle Situationen im Leben trainieren. Zum anderen bekommt man so nat\u00fcrlich gleich sehr viel mehr Training in kurzer Zeit, denn so trainierst du dein Gehirn nicht nur eine, sondern ca. 16 Stunden am Tag (je nachdem wie lange du wach bist und sie tr\u00e4gst).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie verlief das terzo-Training?<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Vorbesprechungstermin<\/h3>\n\n\n\n<p>Alles begann mit einem ersten Termin bei einem terzo-Akustikfachgesch\u00e4ft. Bei diesem Termin musste ich mehrere H\u00f6rtests mit und ohne H\u00f6rger\u00e4te machen. Dann konnte mir der Akustiker sagen, wie viel ich mit dem Training rausholen k\u00f6nnte. Das bezieht sich erstmal aufs Sprachverstehen, gemessen an einer Variante des Freiburger Sprachtest (das ist der Test wo man 20 einsilbige W\u00f6rter nachsprechen muss). Da bekam ich erstmal die etwas ern\u00fcchternde Ansage, dass selbst mit maximal effektivstem Training ich vermutlich nicht \u00fcber 75% Sprachverstehen in Ruhe komme, also ungef\u00e4hr 3\/4 der W\u00f6rter erkennen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Akustiker fragte mich dann, ob ich das Training machen wollte, was ich bejahte. Bis dahin h\u00e4tte mich dieser Termin \u00fcbrigens nichts gekostet. Eine Einsch\u00e4tzung des maximal m\u00f6glichen Erfolges zu bekommen ist also m\u00f6glich, bevor du Geld ausgeben musst.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich die Frage bejahte, ging es gleich weiter. Zun\u00e4chst wurden meine Ziele f\u00fcr das Training besprochen. Diesen waren vor allem bei Verstehen im St\u00f6rger\u00e4usch besser klarzukommen und generell weniger H\u00f6ranstrengung zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das Training w\u00fcrde ich Trainingsh\u00f6rger\u00e4te bekommen. Diese m\u00fcssen bei meinem H\u00f6rverlust besonders die hohen T\u00f6ne gut verst\u00e4rken k\u00f6nnen. Auch ist es bei einem H\u00f6rtraining wichtig, dass die Verst\u00e4rkung der H\u00f6rger\u00e4te auch konsistent am Trommelfell ankommt. Aus diesen Gr\u00fcnden werden die Trainingsh\u00f6rger\u00e4te mit Otoplastiken (siehe <a href=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/2020\/08\/01\/ohrstucke-otoplastiken-oder-schirmchen\/\">Ohrst\u00fccke: Otoplastiken oder Schirmchen?<\/a>) gemacht, f\u00fcr die ich gleich an dem Termin Abformungen genommen bekommen habe. Bis zum n\u00e4chsten Termin vergingen ein paar Wochen, weil die Otoplastiken aus den Abformungen hergestellt werden mussten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trainingsbeginn<\/h3>\n\n\n\n<p>Beim n\u00e4chsten Termin bekam ich die Trainingsh\u00f6rger\u00e4te mit Otoplastiken angepasst. Die Ohrst\u00fccke waren sehr viel gr\u00f6\u00dfer und \u201cfester\u201d sitzend als was ich vorher hatte \u2013 eben um konsistenten Sitz und damit gleichbleibende akustische Eigenschaften zu garantieren. Bei den Einstellungen der H\u00f6rger\u00e4te wurde ich gefragt, ob ich erstmal \u201csanft\u201d anfangen wollte. Das hei\u00dft, dass sie (besonders bei den hohen T\u00f6nen) noch nicht so laut eingestellt werden, wie es eigentlich am effektivsten f\u00fcr das H\u00f6rtraining w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich entschied mich gegen die sanfte Methode, sondern direkt f\u00fcr \u201cvolle Pulle\u201d. Ich vertraute darauf, dass mein noch (relativ, naja) junges Gehirn das schon packen w\u00fcrde. Das hatte auch den Vorteil, dass das Training vielleicht noch schneller gehen w\u00fcrde und ich somit schon nach 2 statt 3 Wochen durch sein w\u00fcrde. (Im Nachhinein betrachtet w\u00fcrde ich aber die sanfte Variante empfehlen. Warum, das werdet ihr weiter unten lesen &#8230;).<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu bekam ich einen Bluetooth-Lautsprecher und ein Tablett mit einer Trainings-App mit nach Hause. Diese hatte einen Plan mit H\u00f6rtrainings\u00fcbungen einprogrammiert. Jeden Tag sollte ich diesen Plan abarbeiten. Mit einem weiteren Termin f\u00fcr ungef\u00e4hr eine Woche sp\u00e4ter verliess ich den Laden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die erste Trainingswoche<\/h3>\n\n\n\n<p>Dann ging\u2019s los mit den \u00dcbungen. Pro Tag waren es 6 St\u00fcck, manches wiederholte sich, aber es war auch eine gewisse Abwechslung dabei. Mal musste ich zum Beispiel L\u00fcckentexte f\u00fcllen oder W\u00f6rter in einer vorgelesenen Geschichte z\u00e4hlen. Dabei bekam ich auch sofort Feedback, wie gut ich mich dabei geschlagen habe. Wenn ich doch mal sehr daneben lag, wurde ich gleich gefragt, ob ich&nbsp; denn auch richtig aufgepasst habe. Der App entging nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00dcbung, die ich am schwersten fand, war die, wo ich am wenigsten aus dem Zusammenhang logisch raten konnte &#8211; wo ich also nur auf mein Geh\u00f6r angewiesen war. Es ging darum, aus einer Reihe sehr \u00e4hnlich klingenden W\u00f6rtern das vorgelesene auszuw\u00e4hlen. Die W\u00f6rter unterschieden sich nur in Konsonanten, also genau den Buchstaben, mit denen ich als Mensch mit Hochtonschwerh\u00f6rigkeit Schwierigkeiten habe. Da klingen \u201cheben\u201d, \u201cbeben\u201d, oder \u201creden\u201d schonmal verdammt \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der allerdings viel krassere Teil des H\u00f6rtrainings waren nicht die \u00dcbungen mit der App, sondern der Rest des Tages. Die Option \u201cvolle Pulle\u201d war erstmal gef\u00fchlt ein \u201cKopf\u00fcber in die H\u00f6lle (der Ger\u00e4usche)\u201d. Die Trainingsh\u00f6rger\u00e4te waren so eingestellt, dass sie wieder alle Frequenzen richtig h\u00f6rbar an mein Trommelfell brachten. Interessanterweise machte meine Akustikerin das so, dass sie die Einstellungen f\u00fcr Kinder in ihrer Software nutzte. Kinder h\u00f6ren insbesondere die hohen T\u00f6ne noch viel besser als Erwachsene und diese brauchte ich ja am meisten. Diese Einstellungen sind allerdings sehr anders als ich es vorher gewohnt war, n\u00e4mlich erstmal gef\u00fchlt sehr laut und ohne die ganzen angenehmen Filter, die die Hintergrundger\u00e4usche erkennen und d\u00e4mpfen.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte keine Ahnung auf was ich mich da eingelassen hatte. Alles war erstmal schrecklich laut. Die Klosp\u00fclung klang wie die Niagaraf\u00e4lle. Wenn mein Mann hustete, zuckte ich zusammen. Wenn ich den Knopf der elektrischen Kaffeem\u00fchle dr\u00fcckte bin ich erstmal aus der K\u00fcche gegangen, weil ich es nicht ausgehalten habe. Anfangs war ich mir sicher, dass da irgendwas falsch gelaufen war und schrieb eine hilfesuchende Email an meine Akustikerin. Sie versicherte mir aber, dass das alles so ist wie erwartet. Das half meiner anf\u00e4nglichen Panik, aber machte die n\u00e4chsten Tage nat\u00fcrlich nicht weniger stressig. Trotz dieser immensen kognitiven Belastung habe ich die Ger\u00e4te aber tags\u00fcber durchgehend getragen, weil ich den maximalen Trainingseffekt haben wollte. Ich dachte mir, wie beim Sport: man erreicht die Ziellinie beim Marathon nicht, wenn man nach nem Kilometer aufgibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei all dem Stress, den das erstmal erzeugt hat, habe ich auch schnell gemerkt, was f\u00fcr Vorteile es hatte, wieder mehr von den leisen Ger\u00e4uschen mitzukriegen. Ich konnte es auf einmal wieder h\u00f6ren, wenn jemand fl\u00fcstert \u2013 das mag erstmal nicht so wichtig erscheinen, aber ihr glaubt nicht, wie viele interessante Informationen man dadurch nicht mehr mitkriegt. Auch konnte ich meine Katzen h\u00f6ren, wenn sie auf leisen Pfoten angetapst kamen. Mehr als einmal hatte ich auch das Erlebnis \u201cOh, das macht ein Ger\u00e4usch? Wusste ich gar nicht!\u201d bei Dingen, bei denen ich das noch nie geh\u00f6rt hatte. Und der kaputte L\u00fcfter, der seit Wochen in meinem PC klapperte, war nun so nervig laut, dass ich den mal schnell ausgetauscht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte im Vorhinein \u00fcberlegt, ob ich mir f\u00fcr diese erste Trainingswoche Urlaub nehmen sollte, aber mich dann dagegen entschieden. Die Idee ist ja, dass ich in m\u00f6glichst realistischen Situationen trainieren sollte, da hilft es ja nichts, wenn ich mich 7 Tage in meinem Zimmerchen einschlie\u00dfe. So habe ich also meinen ganz normalen Alltag gelebt. Das einzige was ich vermieden habe ist eine Woche zu nehmen, wo besonders viele soziale Events sind. Aber ein paar soziale Events gab es trotzdem. Unter anderem bin ich mit einer Freundin in ein Restaurant essen gegangen. Anfangs hatte ich meine Bedenken, ob ich \u00fcberhaupt ein Wort verstehe, was sie sagt. Doch es war genau anders. Dadurch dass ich wieder die ganzen hohen T\u00f6ne wahrnehmen konnte, konnte mein Gehirn wieder selbst herausfinden, welcher Person ich zuh\u00f6ren m\u00f6chte in all dem Stimmengewirr. Auch wenn ich nat\u00fcrlich insgesamt alles noch viel zu laut fand, war es ein Erlebnis, was mich schnell sp\u00fcren lie\u00df, dass mein Gehirn doch noch was drauf hat, wenn ich ihm nur alle Informationen zug\u00e4nglich mache.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die erste Woche sich dem Ende neigte, merkte ich \u00fcbrigens schon, wie sich mein Gehirn an die vielen neuen Ger\u00e4usche gew\u00f6hnte. Es normalisierte sich etwas, was ich als \u201czu laut\u201d empfand.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die zweite Woche<\/h2>\n\n\n\n<p>Anfang der zweiten Woche hatte ich den n\u00e4chsten Termin bei meiner Akustikerin. Der ist vor allem zur Kontrolle, ob alles funktioniert. Wenn man den sanften Einstieg gew\u00e4hlt hat, w\u00fcrde man jetzt die \u201cvolle Pulle\u201d Einstellungen bekommen, aber ich war da ja schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache weiter jeden Tag meine \u00dcbungen. Ich muss schon sagen, dass so eine Stunde t\u00e4glich tats\u00e4chlich ein gewisser Zeitaufwand ist. Ich musste das durchaus in meinem Berufsalltag priorisieren und daf\u00fcr weniger andere Termine machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was das Training in der freien Wildbahn anging, so merkte ich in dieser Woche noch mehr wie mein Gehirn sich anpasste. Ich hatte mehrere soziale Events mit vielen Menschen und in den meisten Situationen kam ich gut klar. Nat\u00fcrlich war immer noch alles anstrengend, aber vieles auch weniger anstrengend als vorher. Ich konnte wieder besser Richtungsh\u00f6ren, auf Sprecher fokussieren und leise Ger\u00e4usche wahrnehmen, f\u00fcr die ich mich vorher anstrengen musste, sie zu h\u00f6ren oder das nicht Geh\u00f6rte zu raten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur bei der Besichtigung einer Baustelle war ich zwischenzeitlich von der lauten Ger\u00e4uschkulisse \u00fcberfordert und konnte dem Sprecher in der Situation nicht mehr folgen. Allerdings stelle ich fest, dass das auch meine h\u00f6renden Kollegen in der Situation nicht konnten \u2013 ein guter Vergleich um meine H\u00f6rerwartungen an die Realit\u00e4t anzupassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in dieser Woche hatte ich ein paar Erkenntnisse dar\u00fcber, was in der Welt \u00fcberhaupt Ger\u00e4usche macht. Faszinierend, dass ich das Ticken unserer K\u00fcchenuhr h\u00f6ren kann. Bei manchen Ger\u00e4uschen war ich oft noch sehr verwirrt, was es genau ist. Gelegentlich half mir mein Mann bei Fragen wie \u201cWar das ein Kind oder ein Hund oder eine quietschende T\u00fcr?\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mir in dieser Woche auch auffiel, war, dass der Kontrast zwischen \u201cmit H\u00f6rger\u00e4te\u201d und \u201cohne H\u00f6rger\u00e4te\u201d gr\u00f6\u00dfer geworden war. Wenn ich abends meine H\u00f6rger\u00e4te herausnahm, trat gef\u00fchlt eine gr\u00f6\u00dfere, erholsamere Stille ein als fr\u00fcher. Wenn ich die Trainingsh\u00f6rger\u00e4te trug, musste ich nicht mehr angestrengt \u201cdie Ohren spitzen\u201d, wenn ich leise oder hohe T\u00f6ne wahrnehmen wollte und wenn ich sie nicht trug, konnte ich mich besser entspannen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die dritte Woche<\/h3>\n\n\n\n<p>Am Ende der dritten Woche war das Training offiziell f\u00fcr mich vorbei. In der abschlie\u00dfenden Messung zeigte sich, dass sich mein Testergebnis beim Freiburger Test von 60% auf 75% in Ruhe und von 40% auf 55% im St\u00f6rger\u00e4usch verbessert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Normalerweise w\u00fcrde jetzt die H\u00f6rger\u00e4teanpassung der neuen H\u00f6rger\u00e4te erfolgen, wenn man denn das Training im Zuge einer solchen macht. Das beinhaltet dann alle Schritte, die auch sonst dazu geh\u00f6ren (siehe <a href=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/2021\/12\/15\/wie-man-hoergeraete-bekommt\/\">Wie man H\u00f6rger\u00e4te bekommt<\/a>). Das hei\u00dft, hier g\u00e4be es theoretisch f\u00fcr dich auch noch die M\u00f6glichkeit, weitere H\u00f6rger\u00e4te zu testen etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich das Training aber losgel\u00f6st von einem H\u00f6rger\u00e4tekauf machte, ging es zur\u00fcck zu meinen alten H\u00f6rger\u00e4ten. Diese hat meine Akustikerin dann neu eingestellt, m\u00f6glichst nah dran an dem, was die Trainingsh\u00f6rger\u00e4te geleistet haben. Dabei durfte ich auch die Otoplastiken, die f\u00fcrs Training gemacht wurden, weiter verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle teilte mir meine Akustikerin mit, dass meine aktuellen H\u00f6rger\u00e4te nicht ausreichen, um meinen Hochtonverlust so auszugleichen, wie es die Trainingsh\u00f6rger\u00e4te taten. Mit einem neuen, st\u00e4rkeren H\u00f6rer konnte sie da noch etwas rausholen, aber ganz das gleiche war es nicht. Somit waren die hohen T\u00f6ne jetzt zwar mehr da als vor dem Training, aber weniger als w\u00e4hrenddessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Plan ist, n\u00e4chstes Jahr neue H\u00f6rger\u00e4te zu kaufen. Da wird es dann ein Auswahlkriterium f\u00fcr mich sein, ob die Ger\u00e4te genug \u201cWumms\u201d in den hohen T\u00f6nen haben. Meine Akustikerin meinte leider aber schon, dass es da gar nicht so viele Hersteller auf dem Markt gibt. Das und die Erkenntnis, dass ich damit so langsam im Bereich der hochgradigen Schwerh\u00f6rigkeit angekommen bin, war etwas, was ich auch erstmal verdauen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl das Training offiziell vorbei war, durfte ich noch eine Woche das Tablet und den Lautsprecher behalten und mit meinen alten H\u00f6rger\u00e4ten mit neuen Einstellungen nochmal \u00fcben. Und wie erwartet, schnitt ich bei den \u00dcbungen wieder schlechter ab &#8211; schlie\u00dflich waren die hohen T\u00f6ne jetzt weniger laut.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Alltag merkte ich den Unterschied, aber ich merkte auch immer noch die Effekte des Trainings. Zwar f\u00fchlte sich immer noch alles viel zu laut an, aber im Vergleich zu den Trainingsh\u00f6rger\u00e4ten war es etwas angenehmer. Ich konnte allerdings auch immer noch sehr deutlich die positiven Effekte des Trainings sp\u00fcren: ich konnte auch besser Sprecher fokussieren und in lauten Situationen heraush\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein paar Wochen sp\u00e4ter<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Laufe der folgenden Wochen gew\u00f6hnte sich mein Gehirn vollst\u00e4ndig an das neue Ger\u00e4uschlevel. Es kalibrierte sich quasi an die Lautst\u00e4rke. Ich erschreckte nicht mehr, wenn jemand hustete und wusste alle Informationen, die ich durch die leisen Hintergrundger\u00e4usche wahrnehme, zu sch\u00e4tzen. Nach einiger Zeit habe ich gar nicht mehr dar\u00fcber nachgedacht. Es ist schwierig, es zu messen, aber ich habe den Eindruck, dass mein H\u00f6rstress tats\u00e4chlich abgenommen hat, seit ich nicht mehr st\u00e4ndig die Ohren spitzen muss.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit &#8211; Ein Jahr danach<\/h3>\n\n\n\n<p>Nun ist ein Jahr vergangen, seit ich das H\u00f6rtraining gemacht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Effekt eines H\u00f6rtrainings kann ich am besten mit der folgenden Situation vergleichen: du wachst nachts auf und willst dir in der K\u00fcche ein Glas Wasser holen. Du stolperst im Dunkeln durch den Flur. Das geht ganz gut, denn deine Augen haben sich an das wenige Licht gew\u00f6hnt und du siehst genug Schemen, um dich in deiner vertrauten Wohnung fortzubewegen. Dann betrittst du die K\u00fcche und machst das Licht an. Im ersten Moment ist alles glei\u00dfend hell &#8211; so hell, dass du erstmal ein paar mal blinzeln musst, um dich daran zu gew\u00f6hnen. Aber nach einer Minute ist es gar kein Problem mehr, deine Augen haben sich schnell umgestellt und du kannst alles gut sehen und dir dein Glas Wasser einsch\u00fctten &#8211; etwas, was im Dunkeln nicht gut funktioniert h\u00e4tte. So \u00e4hnlich ist das auch mit einem H\u00f6rtraining &#8211; nur dass es nicht eine Minute, sondern ein paar Wochen dauert, bis du nicht mehr blinzeln musst und die zus\u00e4tzlichen Informationen, die dein Gehirn nun bekommt, auch nicht mehr als unangenehm empfindest.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Jahr sind die Trainingseffekte nach wie vor da und haben auch in keinster Weise nachgelassen. Laute Restaurants sind zwar immer noch anstrengende Situationen, aber ich habe keine Angst mehr davor, mich nicht mehr unterhalten zu k\u00f6nnen. Generell habe ich das Gef\u00fchl, dass ich mein Verhalten durch meine Schwerh\u00f6rigkeit weniger anpassen muss. Ich habe wieder \u00e4hnliche Freiheiten wie h\u00f6rende Menschen was akustische Situationen angeht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Somit war das Training ein gro\u00dfer Erfolg f\u00fcr mich. Ich denke, dass die H\u00f6r\u00fcbungen eine gute Art sind, Menschen dazu zu motivieren, sich jeden Tag mit ihrem Geh\u00f6r zu besch\u00e4ftigen. Ich habe f\u00fcr mich aber das Gef\u00fchl, dass der wichtigere Teil ist, dass man sich auf diese sehr lauten H\u00f6rger\u00e4te-Einstellungen einl\u00e4sst und sie so lange ertr\u00e4gt, bis man die Vorteile davon sp\u00fcrt. Daf\u00fcr war es wichtig, durch dieses H\u00f6rtrainingsprogramm zu gehen und ein paar Wochen begleitet zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte fr\u00fcher erfahren, dass es so etwas gibt. Vielleicht w\u00e4re ich heute weniger schwerh\u00f6rig als ich es bin und ich h\u00e4tte fr\u00fcher mehr meiner Lebensqualit\u00e4t haben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Transparenzhinweis: Ich habe selbst ein H\u00f6rtraining der Firma terzo gemacht. Dieses habe ich selbst bezahlt. terzo ist ein Teil des Netzwerkes H\u00f6rgesundheit, einer Einkaufsgemeinschaft von H\u00f6rger\u00e4teakustikern, welche ein Augenmerk auf die H\u00f6rgesundheit setzen und deshalb auch H\u00f6rtrainings anbieten. Im Rahmen meines Engagements f\u00fcr den Tag der H\u00f6rgesundheit 2025 habe ich mit Ihnen zusammengearbeitet. F\u00fcr diesen Artikel hat mir terzo hier und da mit Informationen geliefert, besonders was die wissenschaftlichen Grundlagen angeht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>F\u00fcr diese Artikelserie habe ich mehrere Wochen recherchiert und das H\u00f6rtraining auf eigene Kosten selbst gemacht. Wenn du diesen Artikel hilfreich fandest, freue ich mich, wenn du mich <a href=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/unterstuetzung\/\">unterst\u00fctzt<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel ist Teil einer Serie \u00fcber H\u00f6rtrainings. Die vorherigen Teile findet ihr hier: Teil 1: Besser H\u00f6ren durch H\u00f6rtrainings, Teil 2: Chancen und Grenzen von H\u00f6rtrainings und Teil 3: Der Markt und die Auswahlkriterien. 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