{"id":1044,"date":"2023-06-15T07:10:00","date_gmt":"2023-06-15T07:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/doofe-ohren.de\/?p=1044"},"modified":"2023-05-19T13:54:43","modified_gmt":"2023-05-19T13:54:43","slug":"ueber-die-notwendigkeit-immer-besser-organisiert-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/2023\/06\/15\/ueber-die-notwendigkeit-immer-besser-organisiert-zu-sein\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Notwendigkeit, immer besser organisiert zu sein"},"content":{"rendered":"\n<p>Als ich mit Ende Zwanzig schwerh\u00f6rig wurde, witzelten meine Freunde, ob mein schwindendes Geh\u00f6r denn nun von anderen Sinnesorganen kompensiert w\u00fcrde. Sie stellten sich das vor wie bei manchen Blinden, die unfassbar gut h\u00f6ren oder tasten k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Leider stellte sich nichts davon ein. Weder kann ich besonders gut riechen, schmecken oder tasten und ich bin noch genauso kurzsichtig wie damals. Wenn \u00fcberhaupt, denke ich, dass das am ehesten passiert, wenn man den einen Sinn, den man verliert, sehr fr\u00fch in seiner Kindheit verliert. Mit Ende Zwanzig war ich da schon etwas sp\u00e4t dran.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein mangelndes Geh\u00f6r gleiche ich allerdings mit einer anderen F\u00e4higkeit aus: Organisationstalent. Seit ich schwerh\u00f6rig bin, muss ich immer besser organisiert sein als alle anderen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Problem liegt darin, dass unsere Welt nicht barrierefrei ist. Und die einzige Person, auf die ich mich verlassen kann, die sich darum k\u00fcmmert, dass meine Pl\u00e4ne nicht durch Barrieren verhindert werden, bin in den meisten F\u00e4llen ich selbst. [1, siehe unten] Immer wenn ich etwas machen will, muss ich mir vorher \u00fcberlegen, ob dieses Vorhaben Sinn und Spass macht, obwohl ich weniger h\u00f6ren kann. Beispiele:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wenn ich ins Theater gehe und es gibt keine Platzkarten, dann muss ich \u00fcberp\u00fcnktlich da sein, damit ich als erste in der Schlange stehe, wenn die T\u00fcren aufgehen. Denn nur so habe ich eine Chance auf einen Platz in den ersten Reihen, wo die Stimmen der Schauspieler noch am besten zu verstehen sind (wenn sie nicht elektronisch verst\u00e4rkt werden).<\/li>\n\n\n\n<li>Wenn ich ins Theater gehe und es gibt Platzkarten, dann muss ich diese oft sehr fr\u00fch buchen, damit ich noch einen in den vorderen Reihen bekomme. Dass diese dann meist auch teurer sind, kommt noch dazu.<\/li>\n\n\n\n<li>Wenn ich einen Film im Kino sehen will, dann muss ich meistens l\u00e4nger recherchieren, um ein Kino zu finden, in dem es eine Vorstellung mit Untertiteln gibt. Alternative brauche ich Originalton, weil mich als Lippenabsehende immer irritiert, wenn in \u00fcbersetzen Filmen der gesprochene Text nicht mit den Lippenbewegungen \u00fcbereinstimmt. (Mehr dazu in <a href=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/2021\/09\/01\/was-an-untertiteln-nervt\/\">Was an Untertiteln nervt<\/a>). Wenn es ein Kino gibt mit einer Vorstellung, die meine Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllt, dann hei\u00dft das auch schon mal weitere Wege auf sich zu nehmen, also auch wieder mehr Zeit einplanen.<\/li>\n\n\n\n<li>Wenn ich auf eine Lesung an einem Ort gehe, wo ich die Hoffnung habe, dass sie eine H\u00f6ranlage anbieten, so muss ich auch erstmal eine Weile daf\u00fcr recherchieren. Wenn die Dokumentation von solchen Hilfsmitteln auf Webseiten und anderem Informationsmaterial nicht zu finden ist, dann bleibt mir oft nichts anderes \u00fcbrig, als die Veranstalter anzuschreiben und nachzufragen. Dabei erwische ich auch oft Personal, dass nicht weiss, was eine H\u00f6ranlage ist und dann f\u00e4llt mir zus\u00e4tzlich die Aufgabe der Wissensvermittlung \u00fcber H\u00f6ranlagen zu.&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Wenn ich in ein Kunstmuseum gehen m\u00f6chte, dann muss ich vorher erfragen, ob die angepriesenen Audio-Guide-Systeme denn auch f\u00fcr H\u00f6rger\u00e4tetr\u00e4ger funktionieren (denn mit handels\u00fcblichen Kopfh\u00f6rern haben wir so unsere Probleme (siehe <a href=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/2021\/06\/01\/kopfhoerer-und-hoergeraete\/\">Kopfh\u00f6rer und H\u00f6rger\u00e4te<\/a>).<\/li>\n\n\n\n<li>Wenn ich zum Arzt gehe, dann verbringe ich die ersten zwei Minuten damit, ihm oder ihr zu erkl\u00e4ren, wie sie mit mir kommunizieren m\u00fcssen (Sichtkontakt, deutlich sprechen, besonders deutlich hinter einer Maske). Das sind zwei Minuten von den f\u00fcnf, die \u00c4rzte sowieso nur noch Zeit pro Patient haben. Daher komme ich dann besser schon mit meinen Befunden und meinem Anliegen gut sortiert an, denn die Zeit muss ja dann nachgeholt werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Wenn ich beruflich auf eine Schulung fahre, dann muss ich meistens den Anbieter oder Dozenten vorher anschreiben, informieren und weiterbilden. Viele geben sich auch M\u00fche, ihre Veranstaltung fuer mich barriere\u00e4rmer zu gestalten, in dem sie z.B. daf\u00fcr sorgen, dass alle Inhalte auch im vorhinein f\u00fcr mich in schriftlicher Form zur Verf\u00fcgung stehen. Damit das funktioniert, muss ich schon mindestens zwei Wochen vor der Veranstaltung daran denken, zu schreiben, damit sie diese Unterlagen unter Umst\u00e4nden noch erstellen k\u00f6nnen.&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Wenn mir samstags abends die H\u00f6rger\u00e4tebatterien ausgehen, dann habe ich hoffentlich schon Tage dran gedacht, welche zu kaufen. Denn die einzige Alternative ist, zur Notfallapotheke zu fahren oder einen sehr stillen Sonntag zu verbringen. Was sagt es aus \u00fcber unsere Gesellschaft, dass wir zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Dose Bier an der Tanke kaufen k\u00f6nnen, aber f\u00fcr die Stromversorgung von medizinischen Ger\u00e4ten im Voraus denken m\u00fcssen.<\/li>\n\n\n\n<li>Wenn ich H\u00f6rger\u00e4te mit Akkus h\u00e4tte, dann m\u00fcsste ich jeden Abend diszipliniert daran denken, diese in die Ladeschale zu legen. Nach einer Party auf dem Sofa einpennen und Ladeschale Ladeschale sein zu lassen, h\u00e4tte die Konsequenz, dass das Ausn\u00fcchtern am n\u00e4chsten Tag im Stillen stattfinden w\u00fcrde (zugegeben, je nach Kater h\u00e4tte das vielleicht auch etwas gutes ;)).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Auf den Punkt gebracht, alles im Leben wird ein bisschen komplizierter. Jede Aktivit\u00e4t erfordert, dass ich mich vorher k\u00fcmmere. Wenn ich das nicht tue, dann bedeutet es oft, dass ich nur die H\u00e4lfte der Informationen oder des Genusses mitkriege. Oder ich muss mich sehr viel mehr anstrengen  und entsprechend viele L\u00f6ffel ausgeben, also an anderer Stelle weniger Energie habe (siehe auch <a href=\"https:\/\/doofe-ohren.de\/index.php\/2020\/12\/15\/von-loeffeln-und-vom-hoeren\/\">Von L\u00f6ffeln und vom H\u00f6ren<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist es so, dass ich vor meiner Schwerh\u00f6rigkeit schon ein ganz gut organisierter Mensch war. Ich muss jetzt zwar mehr organisieren als vorher, aber das Konzept des \u201cdrei Tage (oder mehr) im voraus Denkens&#8220; liegt durchaus in meiner Natur.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich aber oft, wie das f\u00fcr Menschen funktioniert, die eben nicht so gut organisiert sind. Oder auch einfach nicht die Energie haben, wildfremde Leute \u00fcber ihre Bed\u00fcrfnisse zu informieren. Oder nicht das Selbstbewusstsein, die n\u00f6tigen Ma\u00dfnahmen gegebenenfalls laut und deutlich gegen\u00fcber uneinsichtigen Menschen einzufordern. Oder vielleicht auch nicht die technischen Kenntnisse, die Weiterbildung dieser Menschen in Sachen Barrierefreiheit vorzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was machen Menschen, die immer erst am Tag der Veranstaltung feststellen, dass diese eben nicht f\u00fcr sie zug\u00e4nglich ist? Ich weiss aus Erfahrung, wie frustrierend das ist, wenn man viel Geld oder Zeit verwendet, um zu einer Veranstaltung zu fahren, um dann festzustellen, dass man doch nicht folgen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, mit jeder Schippe extra Aufwand, den wir betreiben m\u00fcssen, um teilzuhaben, verlieren wir Menschen unter uns, die das nicht leisten k\u00f6nnen. Nach ein paar entt\u00e4uschenden Erfahrungen, h\u00f6ren diese Menschen auf, teilzunehmen. Aus den vielen Schippen ist ein massiver Haufen geworden, der sie begraben hat. Sie bleiben mehr und mehr zuhause und in ihrer eigenen Welt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem ist nicht, dass mal eine einzelne Veranstaltung anstrengend ist, weil es mit der Barrierefreiheit hapert. Das Problem ist, dass fast jede Veranstaltung so ist &#8211; wenn man sich nicht k\u00fcmmert oder sich die Veranstalter gek\u00fcmmert haben. Und es trifft eben immer die gleiche Population, n\u00e4mlich Menschen mit Behinderungen. Die B\u00fcrden werden hier nicht auf alle Menschen gleich verteilt. Und wenn alles in unserer Umgebung anstrengend ist, dann ist es nur menschlich, wenn wir uns zur\u00fcckziehen. Mit allen Folgen der Isolation, die das haben kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>[1] Ausnahmen sind Veranstaltungen speziell f\u00fcr Menschen mit Schwerh\u00f6rigkeit oder Behinderungen oder im Themenfeld der Inklusion. Eine weitere Ausnahme sind Veranstaltungen wo andere liebe Menschen, die mich meistens sehr gut kennen, f\u00fcr mich mitdenken. F\u00fcr diese Menschen in meinem Leben bin ich sehr dankbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich mit Ende Zwanzig schwerh\u00f6rig wurde, witzelten meine Freunde, ob mein schwindendes Geh\u00f6r denn nun von anderen Sinnesorganen kompensiert w\u00fcrde. 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